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Er sang für Freiheit Veröffentlicht in Sechaba, Januar 1988
Der afrikanische Nationalkongress und
die Befreiungsbewegung erlitten einen schmerzlichen Verlust, als eines
seiner hervorragendsten Mitglieder auf dem kulturellen Sektor - James
Madhlope Phillips - plötzlich am 22. 0ktober 1987 starb.
James, der Künstler des Volkes, wurde
am 11. Dezember 1919 als Kind einer Familie der Arbeiterklasse geboren
im pulsierenden Ghetto von Sophiatown - dem Harlem von Johannesburg. Der
frühe Tod seines Vaters brachte große Not über die Familie. James
arbeitete als Kellner und Gärtnerjunge für seine Ausbildung in
Lovedale. Später arbeitete er in der Bekleidungsindustrie und wurde
bald ein führender Gewerkschafter. 1940 wurde er zum Vorsitzenden der
Gewerkschaft der Bekleidungsindustrie in Transvaal gewählt.
1941 war er Gründungsmitglied des "Transvaal
Council Außereuropäischer Gewerkschaften", dem ersten
unabhängigen schwarzen Gewerkschaftszentrum im Land, das später zum
SACTU wurde (South African Centre of Trade Unions).
Zu der Zeit war er auch Schatzmeister
des regionalen Verbandes der African People's Organisation von Transvaal,
der Organisation, die von dem verehrten Dr. Abdurahman (dem Enkel eines
Sklaven) 1902 am Kap gegründet wurde.
1940 trat James auch der
kommunistischen Partei von Südafrika bei. Sein Ruf als tapferer
Verteidiger der wöchentlichen Parteiversammlungen auf den Stufen der
Johannesburger City Hall war sehr verbreitet. James gehörte zu jenen,
die die faschistischen Angriffe von der "Ossewabrandwag" und den
"Grauen Hemden" physisch abwehrten. Sehr oft mussten die
Faschisten mit blutigen Nasen und "Blumenkohlohren"
zurückweichen. Trotz all seiner Aktivitäten in den verschiedenen
Organisationen fand James auch Zeit, um einer seiner großen
Leidenschaften zu frönen, dem Singen (die andere war Gewichtheben). Er
sang Freiheits-, Arbeiter- und sozialistische Lieder. Bei zahlreichen
Gelegenheiten wurde er von einem der bedeutendsten Pianisten Südafrikas
begleitet, Bruno Raikin.
Die Nachkriegsjahre brachten der
unterdrückten Arbeiterklasse ständig wachsende, unvorstellbare Not.
Unter den am meisten betroffenen waren die afrikanischen Bergarbeiter.
Sie bekamen nicht mehr als 2 Schillinge und 3 Pence Lohn pro Schicht und
mussten sonntags zum normalen Tarif und ohne irgendeinen bezahlten
jährlichen Urlaub arbeiten. Sie wurden in Lagern zusammengetrieben und
von jeglichem Kontakt mit Stadtarbeitern ausgeschlossen. Bei der Arbeit
wurden sie mitleidlosen "indunas" (Boss-Jungen) und weißen
Bergarbeitern ausgesetzt, von denen sie häufig tätlich angegriffen
wurden.
Von Zeit zu Zeit gab es spontane
Vergeltungsschläge der Arbeiter in Form von Gegenwehr oder
industriellen Aktionen. Ihnen zu Hilfe kam trotz erheblicher
polizeilicher Überwachung und Schikane die afrikanische
Bergarbeitergewerkschaft, die in den frühen vierziger Jahren von dem
legendären J.B. Marks und anderen gegründet worden war. 1946 beschloss
die Gewerkschaft, dass die Zeit für eine Kraftprobe mit den
Bergbau-Baronen gekommen war, die auch nach wiederholten Verhandlungen
hart blieben und bessere Löhne und Arbeitsbedingungen ablehnten. Am
Montag, dem 12. August, legten 70.000 Arbeiter die Arbeit nieder, um
ihren Forderungen nach einer Lohnerhöhung um zehn Schilling pro
Schicht, zwei Wochen bezahlten Urlaubs pro Jahr und besseren und
sichereren Arbeitsbedingungen Nachdruck zu verleihen. Als Unterstützung
hatte die Gewerkschaft den Streik-Fond der Bergarbeiter mit James als
Vorsitzendem eingerichtet. Als der Streik stattfand (wie von James in
Sechaba zum 40. Jahrestag im August 1986 beschrieben), griff die Polizei
die Arbeiter brutal an und eröffnete das Feuer. Acht wurden getötet
und über eintausend verletzt. Innerhalb einer Woche wurde der Streik
zerschlagen; die gesamte Gewerkschaftsführung und die Mitglieder des
Zentralkomitees der kommunistischen Partei wurden verhaftet.
Fortschrittliche Meinungen wurden mit Füßen getreten. Dr. A.B. Xuma,
der Generalsekretär des ANC, fasste die Situation mit bitteren Worten
zusammen: "Wenn unsere Leute um Brot bitten, bekommen sie
Blei."
Der große Streik der Bergarbeiter
führte zu einer Renaissance im ANC. Er beschleunigte die Forderung des
ANC-Jugendverbandes, endlich etwas zu tun. Mitglieder des "Native
Representative Council" traten aus Protest über die Tötungen
zurück. Als Folge daraus etablierte sich mit Sisulu, Tambo und Mandela
eine neue, dynamische Führung, die den ANC radikalisierte. Für sein
Mitwirken bei dem Streik wurde gegen James eine Bewährungsstrafe
verhängt, die ihn aber nicht davon abhielt, seine politische Arbeit
innerhalb des ANC fortzusetzen. Er spielte eine wichtige Rolle bei der
Gründung der "Kampagne für die Missachtung der Unrechtsgesetze"
im Jahre 1952. Dafür wurde er zusammen mit anderen Führern dieser
Kampagne verhaftet. Die Anklage lautete, "Leute zum Singen
angestiftet zu haben". Wieder bekam er eine Bewährungsstrafe.
1950 erließ die Nationalistische
Partei ein "Gesetz zur Unterdrückung des Kommunismus" und mit
diesem weitreichenden Gesetz begann die Vernichtung der
fortschrittlichen Gewerkschaftsbewegung und der kommunistischen Partei.
Es spielte keine Rolle, ob die möglichen Opfer wirklich Kommunisten
waren oder nicht. Was zählte, war, ob sie eine anti-nationalistische
Einstellung hatten. Eine solche Person war Solly Sachs, der
Generalsekretär der militanten und anti-faschistischen Gewerkschaft der
Arbeiter der Bekleidungsindustrie. Er bekämpfte die Aktivitäten der
Faschisten, die Holländische Reformierte Kirche und ihre Zeitungen wie
"Die Transvaaler" und "Die Vaderland". Der andere
herausragende Mann war James. Die Regierung erließ strikten Hausarrest
für ihn und Sachs. Die Arbeiter der Bekleidungsindustrie - Coloureds,
Inder und Weiße - machten ihrer großen Wut bei einer
Protestversammlung vieler Tausender auf den Stufen der Johannesburger
City Hall Luft. Die Polizei versteckte sich in der City Hall und
Faschisten mischten sich unter die wütende, aber friedliche
Menschenmenge. Plötzlich stürzte sich die Polizei auf die Leute und
die Faschisten machten sich an die Arbeit. Schädel wurden zertrümmert,
Glieder zerschlagen und Blut floss in einer Orgie von Gewalt. Die Opfer
waren vor allem arbeitende Frauen.
Es war James verboten, eine aktive
Rolle in der Gewerkschaft, die er mit aufgebaut hatte und deren
Vorsitzender er 13 Jahre hintereinander gewesen war, zu spielen. Der
Hausarrest machte ihm das Leben schwer. Er konnte keine Arbeit finden,
weder zu Konzerten gehen, noch solche geben oder gar Versammlungen
besuchen. Es wurde ihm verboten, mit seinen Kollegen in der Gewerkschaft
und den Befreiungsbewegungen zusammenzukommen. Man half ihm, Südafrika
illegal zu verlassen, und so ging er 1954 nach England. In England fand
er Arbeit in der Bekleidungsindustrie als Zuschneider. Mit seiner ersten
Frau Maud richtete er sich in den Sechzigern ein neues Zuhause ein Ihr
Haus wurde quasi der ANC-Treffpunkt, lange bevor ein Büro eingerichtet
wurde, genauso wie das Haus seines Vaters der regelmäßige Treffpunkt
der ANC-Gründungsmitglieder gewesen war. In ihrem Haus in London
suchten Flüchtlinge Zuflucht. J.B. Marks, Robert Resha, Dan Tloome, Alf
Hutchinson, die Tambo Familie, und viele andere fanden dort Schutz.
In seiner freien Zeit gab er
Benefizveranstaltungen für fortschrittliche und gewerkschaftliche
Organisationen und dabei unterstützte er immer die Belange der
Unterdrückten. Ob es Konzerte für die Bewegung zur Befreiung vom
Kolonialismus, die Gründung eines Fonds für Vietnam oder die Kampagne
zur Befreiung von Angela Davis waren, die Beispiele lassen sich endlos
fortsetzen.
Mitte der sechziger Jahre wurde James
vom ANC in die DDR geschickt, um Gewerkschaftsstrukturen und
gewerkschaftliches Arbeiten zu studieren. In der DDR reiste er viel
herum und gab überall für die Arbeiter Konzerte. Zusammen mit dem
amerikanischen Sänger Perry Friedman, gründeten sie den "Hootenanny
Club", der als Wiege der DDR-Liedbewegung gelten kann, die später
bekannt wurde als der "Oktober-Klub".
1970 nahm James an der erfolgreichen
Show "Südafrika 70" am "Unity Theatre"
(Einheitstheater) teil. Von da an bildete er zusammen mit etlichen
anderen Kongressmitgliedern wie Barry Feinberg, Ronnie Kasrils, Pallo
Jordan, John Matshikiza, Billy Nannan und weiteren "Mayibuye",
die kulturelle Abteilung des ANC. Sie lasen Gedichte, sangen Lieder und
spielten kurze Szenen über das Leben in Südafrika. Sie tourten damit
in den siebziger Jahren durch Großbritannien, Irland und den Kontinent,
um für den ANC Geld zu beschaffen. All diese kulturelle Arbeit musste
in ein enges Zeitkorsett gezwängt werden, da James und die meisten
Mitglieder von "Mayibuye" gleichzeitig ihrer Arbeit nachgehen
mussten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Zu der Zeit arbeitete er für die
sowjetische Wochenzeitung " The Soviet Weekly" in London.
Seine zweite Frau, Andrea, die auch als seine Sekretärin arbeitete,
half James bei seinen Aufzeichnungen und Niederschriften und dabei,
seine zeitlichen Pläne einzuhalten.
1980, als James Anfang Sechzig war,
kannte seine explosive Energie keine Grenzen mehr. Schon lange hatte er
die Wichtigkeit kultureller Arbeit für die Bewegung und die historische
Reichhaltigkeit, die in den Liedern des Volkes steckte, erkannt, und so
begann er, mit Chören in Westdeutschland, Holland, Belgien, Schweden,
Wales und den Vereinigten Staaten zu arbeiten und ihnen die
südafrikanischen Freiheitslieder in den Sprachen der Völker
Südafrikas beizubringen. Gleichzeitig unterrichtete er sie in der
Geschichte des Befreiungskampfes des Volkes, indem er jedes Lied in
seinen historischen Kontext setzte. So wurde die Botschaft der
Befreiungsbewegung an Zehntausende Menschen weitergegeben.
In Deutschland und den Niederlanden
wurden Aufnahmen von den Freiheitsliedern gemacht. Einige dieser
Aufnahmen fanden ihren Weg nach Brandfort, wo Winnie Mandela im Exil
lebte, und später konnte man sie in ihrem Haus im Orlando-Township
hören.
Als Trauernde bei seiner
Begräbnisfeier beim Golders-Green-Krematorium ankamen, hörten sie die
Stimme von Paul Robeson, der für James immer eine Inspiration gewesen
war. Er sang die "Ballade von Joe Hill". Bevor Joe Hill, ein
amerikanischer Arbeiterführer, hingerichtet wurde, war seine letzte
Botschaft: "Trauert nicht, organisiert euch!" Einundsechzig
Jahre später sandten die heldenhaften Kinder von Soweto die Botschaft
aus, die in der ganzen Welt widerhallte: "Trauert nicht,
mobilisiert euch!" Es war dieser Geist, der die gewaltige
Menschenmenge von Kongressmitgliedern, Anti-Apartheid-Aktivisten,
Kommunisten, Mitgliedern der Arbeiterpartei, Mitgliedern von
Solidaritätsorganisationen, Vertretern von Chören aus Holland,
Deutschland und den Vereinigten Staaten, Künstlern und Schriftstellern
und Freunden zusammenkommen ließ, um einem hoch angesehenen und
beliebten Künstler, Sänger, Sozialisten, Arbeiterführer und
Freiheitskämpfer Lebewohl zu sagen. Er wurde geehrt von den Comrades
Mzwai Piliso, Brian Bunting, Barry Feinberg und Paul Joseph, der als
Freund der Familie sprach. Gedichte und Lieder wurden von den Comrades
Wally Serote, John Matshikiza und Nathan Dambuza vorgetragen. Der
Gottesdienst wurde von Comrade Steven Gawe abgehalten.
Als er starb, arbeitete James gerade
an seinen Memoiren, sowie daran, die Geschichte der südafrikanischen
Befreiungsbewegung im Lied zusammen zu tragen und nieder zu schreiben.
Man kann nur hoffen, dass beide Arbeiten zu gegebener Zeit fertig
gestellt werden. James hinterläßt zwei Töchter und einen Sohn und
zwei Enkelkinder.
Der ANC senkt sein revolutionäres
Banner zu Ehren eines wertvollen und hervorragenden Comrades.
(Übersetzung Ulrike Bauer)
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