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Südafrika  

Bleistift im Haar

Mit Johannes Rau im neuen Apartheidsmuseum am Kap

Von Johannes Dieterich (Johannesburg), Frankfurter Rundschau (FR): 25.01.2002, Seite 8

Acht massive Betonsäulen ragen trotzig in die Luft. Mauern in labyrintischer Anordnung drücken aufs Gemüt; ein nur mit Schießscharten großen Fenster versehener Bau verströmt Bunker-Atmosphäre. Schon äußerlich ist das Johannesburger Apartheidsmuseum ein versteinertes Symbol jener geschlossenen Gesellschaft, die die Rassentrenner am Kap der Guten Hoffnung einst errichteten. Wer ins Innere des "Yad Vashem Südafrikas" will, muss sich der Prozedur rassischer Klassifizierung unterziehen. Johannes Rau wählt freiwillig den "Bantu"-Eingang. Der deutsche Bundespräsident, derzeit auf Afrika-Reise, ist der erste ausländische Staatsgast, der das Museum besucht, offiziell ist es noch nicht eröffnet Rau stoppt vor einem Poster mit vier finster dreinblickenden Herren: Juroren der Klassifizierungsbehörde, die im Zweifel einst einen Bleistift ins Haar ihrer Opfer steckten. Blieb der Stift hängen, war der Klient schwarz, fiel erzu Boden, weiß. Dann geht es eine lange Rampe hoch - vorbei an der in Felszeichnungen der Buschmänner festgehaltenen Urzeit des Landes - zum "Zenit" der südafrikanischen Geschichte, für den keine Ausstellungsobjekte nötig sind: Der Blick auf die Johannesburger Skyline mit einem alten Förderturm und einer riesigen Abraumhalde im Vordergrund genügt. Die Entdeckung der ergiebigsten Goldader der Welt im Jahr 1886 prägte Südafrika wie kein anderes Ereignis. Ohne diesen Schatz wäre das Land noch heute so verschlafen, arm und friedlich wie etwa Namibia. Die Abraumhalde wird abgetragen und der Forderturm steht still: Bald werden auch diese Spuren der Geschichte vollends ausgemerzt sein. Inzwischen windet sich eine Achterbahn als Touristenattraktion um den Förderturm, und daneben erheben sich die Türmchen eines Gebäudes, dem das Apartheidsmuseum auf ironischer Weise sein Dasein verdankt: das Spielcasino. Zu Zeiten der Apartheid waren solche gottlosen Stätten verboten. Nach dem Machtwechsel räumte die ANC-Regierung auch mit diesem Relikt der Vergangenheit auf. Solly und Abe Krok, Johannesburger Zwillingsbrüder jüdischer Abstammung, erhielten eine Kasino-Lizenz. Allerdings mussten die Gebrüder, die ihren Reichtum unter anderem der Vermarktung einer bleichenden Creme für Schwarze verdanken, der Bevölkerung für das abgezockte Geld einen Dienst erweisen - so die Bedingung. Die Kroks dachten zunächst an ein südafrikanisches Disneyland mit Negerdorf und nackten Brüsten. Bis ihnen Chirstopher Till über den Weg lief. Der Johannesburger Kurator schleppte die Brüder zum Holocaust-Museum nach Washington: Danach war der elf Millionen Euro teure Bau des Apartheidsmuseums beschlossene Sache. Heute äußert sich Solly Krok "überglücklich" über "sein" Museum: Und stolz schüttelt er dem Bundespräsidenten die Hand. Im Aufzug geht es hinunter in den Bauch des Bunkers, wo die Geschichte der Apartheid seit ihren Anfängen in den Goldbergwerken bis zu Nelson Mandelas triumphaler Vereidigung zum Staatspräsident 1994 festgehalten wird. Die Ausstellungsgegenstände sind meist eindrucksvolle Fotos (wie jener Schnappschuss von einem Richter, der durch das Fenster eines Hauses späht, um herauszufinden, ob ein gemischtrassiges Paar eine verbotene sexuelle Beziehung unterhält) und dokumentarische Videos, die der künstlerische Direktor Angus Gibson aus aller Welt zusammensammeln musste ("weil die Südafrikaner die Letzten waren, die die Apartheidszeit dokumentierten"). Zu selten griff Kurator Tillauf reale Requisiten der Geschichte zurück wie einen jener berüchtigten gepanzerten Mannschaftswagen der Polizei (in den man ein Polizeivideo über einen Protestmarsch mitverfolgen kann). In grau getünchten Zellen werden die Besucher von Dawn Elliot begrüßt, die als Jugendliche mehrere Monatein Einzelhaft gesessen hatte. "Bisher habe ich selten darüber geredet, weil ich nicht damit angeben wollten", erzählt die Museumsführerin: "Aber jetzt kann ich gar nicht anders, und es tut mir gut." Rau hört zu und ist betroffen: unfassbar, dass "die Welt das 50 Jahre lang mit angesehen hat". Anders als in Yad Vashem bleibt dem deutschen Präsidenten in Johannesburg die Scham erspart: Die internationalen Verflechtungen der Apartheidsherrscher vor allem auch mit Deutschland werden in der Ausstellung (höflich oder nachlässig?) verschwiegen. Dafür wird das "Wunde" vom Kap der Guten Hoffnung umso ausführlicher gefeiert: Der schließlich doch noch überraschend friedliche Übergang zur Demokratie, die ersten allgemeinen, freien Wahlen 1994. Und heute? Ist der Spuk tatsächlich vorbei? Kann man, wie Christopher Till oft vorgehalten wird, der Apartheid ein Museum setzen, wo ihre Auswirkungen noch immer gegenwärtig sind? Die Ausstellung sei ein "nicht abgeschlossener Prozess", rechtfertigt sich der Museumsdirektor und verweist auf einen Raum, in dem jeder Besucher seine eigene Geschichte mit der Rassentrennung aufzeichnen lassen kann. Später sollen diese Zeugnisse Teil der Ausstellung werden. Kurz vor dem Ausgang geht Johannes Rau noch an einer Vitrine mit Zeitungsseiten vorbei. "Betrunkener Weißer schießt auf schwarze Autofahrer", lautet eine Schlagzeile des Star. Der Artikel stammt nicht aus den düsteren Zeiten der Apartheid, sondern vom Tag des Rau-Besuchs. "Sehen Sie", sagt Direktor Till zu seinem Gast: "Unser Museum handelt nicht von einem alten bösen Märchen. Es lebt."

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