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Südafrika  

Gegen Rassismus und Apartheid - Literatur-Nobelpreis für J.M. Coetzee

Frankfurter Rundschau online 2003 dpa - Deutsche Presseagentur 2003

CoetzeeStockholm (dpa) - Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an den südafrikanischen Schriftsteller J.M. Coetzee (63). Die Schwedische Akademie würdigte Coetzees literarischen Kampf gegen Apartheid, Rassismus und Doppelmoral. Mit Coetzee ist nach Nadine Gordimer (1991) zum zweiten Mal ein Südafrikaner Träger des bedeutendsten Literaturpreises der Welt.

Coetzee lebt seit fast zwei Jahren im australischen Adelaide. Zum Zeitpunkt der Vergabe des Nobelpreises hielt er sich in den USA auf. Die 15 Juroren der Akademie erklärten, der Autor sei ein "gewissenhafter Zweifler, schonungslos in seiner Kritik der grausamen Vernunft und der kosmetischen Moral der westlichen Zivilisation". Er sei vor allem an Situationen interessiert, "in denen sich die Unterscheidung von richtig und falsch als unbrauchbar erweist, obwohl sie kristallklar ist." Dabei zieht sich das Thema Apartheid durch das gesamte Schaffen Coetzees, der einer alten Burenfamilie entstammt.

Seine Werke zeichneten sich durch "verschlagene Komposition, verdichteten Dialog und analytische Brillanz" aus, hieß es zur Begründung weiter. Der Autor wurde mit Romanen und Erzählungen wie "Schande" oder "Der Junge. Eine afrikanische Kindheit" bekannt. Darüber hinaus hat er einige Essay-Sammlungen veröffentlicht. In Deutschland sind seine Werke im S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) und im Hanser Verlag (München) erschienen.

Die südafrikanische Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer zeigte sich begeistert über die Zuerkennung des Preises an ihren Landsmann. "Er ist ein guter Freund und ein großer Schriftsteller", sagte Gordimer. "Ich denke, es ist großartig, ich war die erste 1991, und er ist nun der zweite - es ist auch bedeutsam für Südafrika."

Als "Inspiration für junge Schriftsteller auf dem afrikanischen Kontinent" würdigte Südafrikas Regierungspartei Afrikanischer National-Kongress (ANC) am Donnerstag die Vergabe des angesehenen Preises an Coetzee. ANC-Sprecher Smuts Ngonyama äußerte die Hoffnung, dass Verlage und Leser nun das enorme und bisher weitgehend unberührte Potenzial des Kontinents entdeckten. Auch die oppositionelle Demokratische Allianz (DA) würdigte die Preisvergabe als "große Ehre" für Südafrikas Literaturszene. "Herr Coetzee macht uns alle stolz", sagte DA-Mitglied Sydney Opperman.
Euphorisch reagierte der Frankfurter S. Fischer Verlag: "Das ist ein großer Tag für uns", sagte der verlegerische Geschäftsführer Jörg Bong der dpa. "Coetzee ist ein außerordentlicher Autor. Es gibt nur ganz wenige Schriftsteller in der Welt, bei denen sich ästhetische Perfektion und rigoroses Engagement so hervorragend verbinden." Der Verlag hoffe jetzt, dass sich die "sehr lesbaren" Bücher Coetzees auch in der Breite durchsetzten. Von "Schande" - dem bestverkauften Buch - hat S. Fischer bislang etwa 90 000 Exemplare (gebundene Ausgabe und Taschenbuch) verkauft.

Nach Ansicht von Fischer-Lektorin Ursula Köhler wird der Nobelpreis nun die Aufmerksamkeit auf den Autor lenken, die er seit Jahren verdient. "Coetzee musste einfach diesen Preis bekommen." Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nannte die Zuerkennung an Coetzee eine "vernünftige Entscheidung". Der Südafrikaner sei ein beachtlicher Autor, sagte er. "Ich bedauere jedoch, dass die führenden Autoren Nordamerikas wie Philip Roth und John Updike erneut leer ausgegangen sind." Die Nobelpreise sind mit umgerechnet jeweils 1,1 Millionen Euro dotiert. Sie werden immer am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896). Im vergangenen Jahr hatte der ungarische Autor Imre Kertész die höchste literarische Auszeichnung erhalten. Letzter deutscher Preisträger war 1999 Günter Grass.

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