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Südafrika  

Schuld ja - Entschädigung nein

Außenminister Fischer besucht frühere deutsche Kolonie Namibia / Berlin lehnt Entschädigung für Herero-Volk ab

von Johannes Dietrich, Frankfurter Rundschau online 29.10.2003

Die Kaiserstraße heißt inzwischen Independence Avenue, und im alten Gouverneurspalast residiert der schwarze Staatschef Sam Nujoma. Doch wenn Außenminister Joschka Fischer am Mittwoch in Namibia eintrifft, dann wird er sich dort bald heimisch fühlen.

NamibiaJohannesburg . 28. Oktober . Deutsch ist noch immer eine der meistgesprochenen Sprachen in der ehemaligen Kolonie des Kaiserreiches. Städtchen wie Windhuk oder Swakopmund muten wie Exportversionen von Schwäbisch Hall oder in die Wüste verlegte Ausgaben von St. Peter-Ording an.

Selbst neunzig Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit ist der deutsche Einfluss in dem südwestafrikanischen Kleinstaat immer noch allgegenwärtig: Immerhin 25 000 der 1,8 Millionen Namibier - plus 60 000 Touristen im Jahr - sind Deutsche.

Dementsprechend eng sind die Beziehungen zwischen Namibia und der Bundesrepublik. Kurz vor der Unabhängigkeit des von Südafrika okkupierten Landes legte der Bundestag 1989 fest, dass es zwischen Bonn und Windhuk für immer ein besonderes Band der Sympathie geben sollte - ein deutscher Diplomat in Windhuk nennt die Beziehungen schlicht "einzigartig". Insgesamt 500 Millionen Euro haben Staat, Stiftungen sowie private Einrichtungen aus der Bundesrepublik in den vergangenen 13 Jahren in das Wüstenland gepumpt: weit mehr als irgendeine andere Nation der Welt.

Das Verhältnis der beiden ungleichen Partner hat allerdings auch seine trüberen Seiten: Vor allem bei den Themen Landreform und der Forderung des Herero-Volkes nach Wiedergutmachung verdüstern sich die Mienen.

Im vergangenen Jahr sorgte ein Parteitagsbeschluss der Swapo für Aufregung, in dem die Regierungspartei die Verstaatlichung aller Farmen forderte, deren Besitzer nicht in Namibia residierten. Viele befürchteten bereits, Staatspräsident Sam Nujoma würde der Desaster-Route seines Freundes und Nachbarn Robert Mugabe folgen, der Simbabwe mit seinem katastrophalen Landreformprogramm innerhalb von drei Jahren auf den Hund gebracht hat.

Doch vermutlich hat das verheerende Beispiel Nujoma eines Besseren belehrt: Von Enteignungen ist inzwischen auch im Swapo-Hauptquartier nicht mehr die Rede. Trotzdem bleibt die Notwendigkeit der Umverteilung des seit der Kolonialzeit völlig ungerecht verteilten Bodens, woran sich die Bundesregierung auch finanziell beteiligen will. Erst kürzlich zahlte Berlin 20 Millionen Euro in einen Landfonds ein.

Weniger kompromissbereit zeigt sich die Bundesregierung in Sachen Wiedergutmachung für die Hereros. Dabei geht es nicht um ein Eingeständnis der Schuld: Keiner leugnet, dass Schutztruppenkommandant Lothar von Trotta vor genau 99 Jahren eine scheußliche Tat beging, als er zigtausende aufständische Hereros in die Omaheke-Wüste treiben und dort elend verdursten ließ.

Staatssekretärin Uschi Eid soll sich bei Herero-Führer Kuaima Riruako bereits für diesen Völkermord entschuldigt haben. Doch der Forderung nach zwei Milliarden Dollar Entschädigung, die derzeit vor dem US-Bundesgericht in Washington gerichtlich eingeklagt werden soll, verweigert sich Berlin. Der Grund: Deutschland stelle sich mit der bilateralen Hilfe seiner historischen Verantwortung. Und eine Sonderzahlung an die Hereros gefährde die labile Balance zwischen den verschiedenen Völkern Namibias.

Zumindest mit diesem Konfliktstoff braucht sich Außenminister Fischer bei seinem Namibia-Besuch gar nicht herumzuschlagen. Denn während der Minister in der namibischen Exportversion deutscher Kleinstadt-Idylle weilt, hält sich Herero-Chef Riruako in Deutschland auf.

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