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Südafrika  

Architektur als Lebensmittel

Von einer Goldgräbersiedlung in die Moderne: Eine Ausstellung in Wien zeigt die vitale "Baustelle Südafrika"

Von Alexander Kluy

Jo'Burg. Jozi. eGoli. Shishisburg. Mujondoro. Kwamagidasibekane. Goudstad. Aber auch: GP, Gangster's Paradise. All diese Bezeichnungen, ob nun auf Afrikaans, Englisch oder in lokalen afrikanischen Sprachen, ob nun Kosewort oder Name voller Hass, beziehen sich auf eine einzige Stadt, auf Johannesburg, Südafrikas Metropole.


3,2 Millionen Menschen leben heute in der größten urbanen Agglomeration des Kapstaates, heute mehr denn je starker Anziehungspunkt für Zuwanderer. Johannesburg ist ein Großraum, beispielhaft für die Moderne und zugleich durch völlig gegensätzliche Eigenschaften charakterisiert, die der Journalist Bartholomäus Grill einmal so benannte: "Die Weite und die Enge. Die Leere und die Fülle. Die Erstarrung und die Rastlosigkeit. Der Mangel und der Überfluss. Das Rückständige und das Moderne."

Katalysator des Wandels

Im Jahr 1886 gegründet, hat Johannesburg diverse Phasen der Verstädterung und des Umbaus erlebt, des Hinausschiebens der Stadtgrenzen, der Ergänzung durch neue Areale und informelle Subsysteme an der solcherart entstandenen, teils dirigistisch erzwungenen Peripherie, der Flucht des "big business" an einen gut beschützten Stadtrand. In manchen Zeiten erlebte die Stadt eine verfremdende Überformung durch das Implantieren neuer Strukturelemente, dann wieder das Verfestigen scheinbar antiquierter Wohnformen. Innerhalb von fünf Generationen entwickelte sie sich von einer stark europäisch geprägten Goldgräbersiedlung über eine durch das Apartheidsystem zonierten Zusammenballung einander fremd und feindlich gegenüberstehender Viertel zu einem seit 1994, der Einführung der Demokratie, repräsentativen Ort, an dem der jahrzehntelang praktizierte Rassismus praktisch wie symbolisch überwunden werden soll.

"Es heißt, auf jeder einzelnen Parzelle in der Innenstadt (Johannesburgs) hätten in den 100 Jahren ihrer Existenz wenigstens vier verschiedene Bauten gestanden", so der südafrikanische Architekt Henning Rasmuss, der federführend an der im Wiener Architektur Zentrum gezeigten Schau "Jo'Burg Now! Baustelle Südafrika" beteiligt ist. Rasmuss weiter: "Die Stadt entstand aus Zufall, aus der Gelegenheit, aus Geldgier, aus verzweifelter Hoffnung und gewalttätiger Ausbeutung. Sie war plötzlich da und hat seither immer ihre Gebäude verschlungen, ihr Bild neu erfunden und immer wieder etwas dem Müllhaufen der abgelegten Stile hinzugefügt."

Im demokratischen Nach-Apartheidstaat ist Johannesburg ein entscheidender urbaner Katalysator des Wandels. Eines Wandels, der handgreiflich im Stadtraum zu bemerken ist. Und zugleich seinen hochsymbolischen Ausdruck findet in realisierten Bauten wie Constitution Hill und Constitution Court, dem Verfassungsdistrikt, und in Plänen und Manifestos wie "2030 Vision", die auf Johannesburg als "afrikanischer Metropole von Weltklasse" abzielen und das Bild einer "urbanen Agglomeration aus lauter privaten Welten" (Anne Hausner) grundlegend zu revidieren versuchen.

Diese urbanistischen Planungen greifen tief in den Nexus der segmentierten, horizontal ausufernden Stadt ein. Ihre Zielrichtungen zeigt die Ausstellung ausführlich, abstrahiert dabei aber gelegentlich etwas zu stark von den bisher erzielten aktuellen Fortschritten. Beim Stadtumbau wird von Schlüsselprojekten ausgegangen, die zu einer intensiveren Verflechtung sowie zu einer Aufwertung und Wiederbelebung innerstädtischer Distrikte führen, lokale Entwicklungen ankurbeln und in der Errichtung kostengünstiger Wohnungen und ökologischer Schutzgebiete münden sollen. Eindringlich vorgeführt wird dies an der Neugestaltung des Walter Sisulu Square of Dedication, dessen historisch sensible Neugestaltung Bezug nimmt auf das Alltagsleben der Anwohner, die zugleich an der Realisierung eigenhändig mitwirken. Kultur und Geschichte, und zwar eine nicht mehr einseitig und verkürzt geschilderte Historie Südafrikas, figurieren manchmal wörtlich als zentrale Bau-Steine einer neuen Mentalität, beispielsweise das Hektor Petersen Memorial in Soweto, Mitte der 70er Jahre Aufbruchsort des Widerstands. Das Salvatorische baut auf Bildung auf.

Jo'Burg tut dem Auge weh

Architektur mit dezidierter sozialer Relevanz also, ein Urbanismus, der die noch junge Zivilgesellschaft mit sich und die diversen Ethnien miteinander versöhnt. "Architektur ist kein Ornament, sondern ein Lebensmittel", so der Direktor des Architektur Zentrums Dietmar Steiner.

Diesem Diktum folgend, entwickelte sich der zweite, zu stark gewichtete Ausstellungsteil: ein konkretes Bauvorhaben der TU Wien in Orange Farm, einem sozial stark benachteiligten Township 40 Kilometer von Johannesburg. Dort errichteten im Frühjahr dieses Jahres 25 Architekturstudentinnen und -studenten ein Schulgebäude und eine Tagesheimstätte für Behinderte. Sorgsam und detailliert wird Schritt für Schritt das Entstehen dieser Bauten dokumentiert. Ob sich tatsächlich zukünftig keiner der jungen Beteiligten später einer "akademischen Investoren-Arroganz", so Steiner, befleißigen wird?

"Ein farbiger, eklektischer, vibrierender Schmelztiegel Afrikas" sei Johannesburg, wird auf einer Ausstellungstafel ein junger Südafrikaner zitiert. Ein anderer meint dagegen: "Jo'Burg tut meinem Auge weh." Beides - das Aufregende wie die Langeweile, Brachen und sterile Postmoderne - führt diese informative Ausstellung vor Augen. Auf der Schlusstafel wird ein Rentner zitiert: "Wohin ich auch reise, ich fange sofort an, das Vertraute zu vermissen - die Abraumhalden, die Farben und den Geruch, der einzigartig südafrikanisch ist - und vor allem die Menschen." Der Name dieses Pensionärs: Nelson Mandela.

Architektur Zentrum Wien, bis 27. September: www.azw.at und www.orangefarm.net.tc

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