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Südafrika  

Südafrika heute: im Überblick

"Lost Generation", "Wohlstandsgesellschaft", Fehlentscheidungen und AIDS

Quelle: "Südafrika", im SPIEGEL Almanach 2002, S. 381 f.

Südafrika feierte am 16. Juni 2001 den 25. Jahrestag des Schüler-/Schülerinnen- Aufstandes von Soweto. Unter den Kugeln der Apartheid-Polizei starben damals über 500 Menschen, darunter viele Kinder, als sie gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache an schwarzen Mittelschulen demonstrierten. Heue, so ergab eine Umfrage des südafrikanischen Fernsehens, wissen die wenigsten Jugendlichen, was 1976 geschah. Und statt für die Nöte der Gemeinschaft interessieren sie sich für "die drei C": cash, cars, cell-phones - die Normalität hat das Land am Kap erreicht.

Solche Segnungen der Wohlstandsgesellschaft bleiben freilich für die meisten ein Traum. Denn sieben Jahre nach dem ersten Wahlsieg des ANC und der Machtübernahme der schwarzen Mehrheit leben immer noch mehr als ein Viertel der Südafrikaner in elenden Slumhütten; über ein Drittel der Bevölkerung hat keine Arbeit. Die "verlorene Generation von 1976" ist unter den Erwerbslosen überproportional vertreten; sie ist miserabel ausgebildet, weil sie statt zur Schule oder in die Lehre auf die Barrikaden gegangen ist. Vor allem als Folge der Arbeitslosigkeit steigt die Kriminalität. Für private Sicherheit in Form von Wachdiensten und -anlagen geben die Bürger inzwischen zwölfmal so viel Geld aus wie vor zehn Jahren.

Präsident Mbeki kann solcher Statistik Erfolgszahlen entgegen halten: Seit 1994 haben vier Millionen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und wenn seit damals 500 000 Jobs verloren gingen, so gelang es, in der gleichen Zeit das Defizit im Staatsbudget von 8 Prozent auf 1,9 Prozent zu drücken. Die Inflationsrate fiel von 9 Prozent (1994) auf etwa 6 Prozent. Mbeki versteht etwas von Wirtschaft.

Doch im Gegensatz zu seinem Vorgänger Nelson Mandela ist der Präsident nicht so sehr beliebt. Die Johannesburger Zeitung Mail & Guardian beschreibt Mbeki als einen "besessenen Mann, dessen Ego so zerbrechlich ist, dass er Angst hat, wie ein Fisch ausgenommen zu werden, wenn er eine Entscheidung zurücknimmt oder einen Fehler eingesteht."

Zu Mbekis Fehlern zählt seine Entscheidung, einen unabhängigen Juristen aus der Kommission abzuberufen, die Korruptionsfälle in der Regierung und im ANC untersuchen soll. Offenbar sind bei der Beschaffung von Rüstungsgütern im Wert von 5,5 Milliarden Dollar Bestechungsgelder geflossen.

In einem anderen Fall ließ der Mandela-Nachfolger zu, dass sein Sicherheitsminister bewährte ANC-Persönlichkeiten öffentlich der Verschwörung beschuldigte. Und von der katastrophalen Gewaltpolitik seines Kollegen Robert Mugabe im benachbarten Simbabwe distanzierte er sich nur zögerlich und nach langem Drängen.

Am meisten belastet Mbeki sein Verhalten zur Aids-Epidemie. Statt - wie etwa Ugandas Präsident Joweri Museweni - umgehend eine Aufklärungskampagne anzuordnen, startete er eine hinhaltende Debatte über den Ursprung der Krankheit und bestritt zeitweilig sogar den Zusammenhang zwischen HIV und Aids. Nun machen Mediziner ihren Präsidenten dafür mitverantwortlich, dass im Land schon fast fünf Millionen Menschen mit der tödlichen Immunschwäche infiziert sind.

Der bekannteste Kranke, Nkosi Johnson, starb Anfang Juni kurz nach seinem 12. Geburtstag. Der Junge hatte Tausende von Delegierten gerührt, als er auf der Welt-Aids-Konferenz 2000 in Durban die Ausgrenzung der HIV-Infizierten beklagte. Grund zur Freude hatten die Aids-Aktivisten vom Kap dagegen im April: 39 internationale Pharmakonzerne nahmen ihre Klage gegen die südafrikanische Regierung zurück. Damit konnten endlich auch billigere Generika hergestellt werden.

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