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Südafrika  

Die Jugend und deren Beitrag - heute wie damals

Der ANC vernachlässigt die Jugend - heute wie vor 30 Jahren

Von Johannes Dieterich, Frankfurter Rundschau vom Freitag, dem 16.06.2006

Zum heutigen 30. Jahrestag des Sowetoaufstands gedenkt der regierende ANC der von der Apartheidspolizei getöteten Schüler und Schülerinnen. Deren Anführer ist vergessen.

Es war der 19-jährige Tsietsie Mashinini, der die Schüler und Schülerinnen der Morris Isaacson Schule in Soweto nach dem Morgengebet am 16. Juni 1976 auf die Straße führte, um gegen die Einführung der Burensprache Afrikaans als Unterrichtssprache zu protestieren. Bereits am ersten Tag erschoss die Polizei mindestens 23 Schülerinnen und Schüler; bei den monatelang anhaltenden Protesten verloren weitere 550 Menschen ihr Leben.

Der Sowetoaufstand gilt als Anfang vom Ende des Apartheidregimes: Von da an focht die weiße Minderheitsregierung einen Rückzugskampf gegen das wachgerüttelte Weltgewissen und die radikalisierte Jugend am Kap der Guten Hoffnung. Deren Kopf war Tsietsie Mashinini: Er wurde auch zum Präsidenten der neugegründeten Schülerinnen-/Schülerorganisation SSRC gewählt. „Tsietsie war mein Held”, erinnert sich die Filmemacherin Portia Rankoane: „Merkwürdigerweise redete aber plötzlich keiner mehr über ihn: Als ob es Tsietsie nie gegeben habe.”

Mashinini wurde nie in den Heldenolymp des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) aufgenommen. Denn der Schüler stand dem ANC höchst kritisch gegenüber: Er warf der exilierten Führung der Befreiungsbewegung vor, die Jugend Südafrikas im Stich gelassen und deren Beitrag zum Befreiungskampf vernachlässigt zu haben. Auch als er selbst ins Exil gehen musste, schloss sich Mashinini nicht dem ANC sondern versuchte, in Nigeria eine eigene Organisation aufzubauen. Er scheiterte damit allerdings und starb Anfang der 90er Jahre in Vergessenheit.

Nach Einschätzung des Johannesburger Historikers Clive Glaser hatte der ANC „praktisch nichts” mit den Sowetoaufständen zu tun. Die Befreiungsbewegung sei damals ausschließlich damit beschäftigt gewesen, den bewaffneten Kampf gegen die Apartheidsregierung zu organisieren: „Innerhalb des Landes”, so Glaser, „fehlte vom ANC zu diesem Zeitpunkt jede Spur.” Erst als die exilierten Funktionäre die von den Schülerinnen und Schülern ausgehende Dynamik begriffen, hätten sie sich der Township-Jugend zugewandt und die Bewegung schließlich unter ihre Kontrolle gebracht. In der Geschichtsschreibung der siegreichen Befreiungsbewegung werden die Sowetounruhen als spontane Aufstände dargestellt, zu deren Symbol bezeichnenderweise ein Opfer gekürt wurde – der erschossene Schüler Hector Pieterson. Ihm wurde in Soweto auch ein Museum gewidmet. Dort fehlt jeder Hinweis auf Mashinini.

Solche Geschichtsmanipulation wäre nach Ansicht des Direktors des Johannesburger Instituts für Rassenbeziehungen, John Kane-Berman, halb so schlimm, wenn sich dahinter nicht eine chronische Missachtung der Jugend durch den ANC verberge. Schon mit der in der 80er Jahren ausgegebenen Parole „erst Befreiung, dann Erziehung” habe die Befreiungsbewegung jungen Südafrikanern erheblich geschadet: Schulflüchtigen Jugendlichen sei nach der Befreiung nur eine Karriere als Kriminelle geblieben. Auch heute werde die Jugend nicht ernst genommen, pflichtet Historiker Glaser bei: So werde die ANC-Jugendliga von zwielichtigen Geschäftsleuten angeführt, während die große Mehrheit de südafrikanischen Jugendlichen arbeitslos sei.

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