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Südafrika  

Der Exodus der Krankenschwestern aus Afrika

In den Ländern südlich der Sahara wüten Epidemien, doch dem Gesundheitssystem gehen immer mehr Fachkräfte verloren

Von Johannes Dieterich, Frankfurter Rundschau vom 07.09.2006

WeltbevölkerungMonat für Monat verlassen rund 300 Krankenschwestern Südafrika, um ihr Glück - aber vor allem ein besseres Gehalt - in den nördlichen Industrienationen zu finden: Bis zur Hälfte aller Abgängerinnen der Ausbildungszentren am Kap der Guten Hoffnung gehen ihrer Heimat gleich nach dem Examen verloren. Großbritannien steht ganz oben auf der Wunschliste der Wirtschaftsemigranten: Hier arbeiten rund 10 000 Krankenschwestern aus Südafrika, ein Viertel aller Londoner Pflegekräfte stammen aus dem Ausland. Und das, obwohl Südafrika Krankenschwestern dringender als jede andere Berufssparte braucht.

Die Aids-Epidemie stellt das Land, in dem mit über 5,5 Millionen Infizierten mehr Menschen als irgendwo anders auf der Welt von dem HI-Virus angesteckt sind, vor beispiellose Herausforderungen. Die vom Staat finanzierte Ausgabe antiretroviraler Medikamente erfordert Beratung, ständige Tests und lebenslange Begleitung: Experten zufolge braucht Südafrika eigentlich doppelt so viele Krankenschwestern, wie dem Land tatsächlich zur Verfügung stehen.

In Simbabwe muss der Gesundheitsminister einräumen, dass seine Behörde einer Cholera-Epidemie nicht Herr wird, weil dem Land zu wenig medizinisch geschultes Personal zur Verfügung steht. In Malawi gibt es gerade noch 29 Krankenschwestern pro 100 000 Einwohner: Kein Wunder, dass 1800 unter 100 000 Kindern bei ihrer Geburt schon wieder sterben - ein trauriger Rekord. Und in Namibia muss die Regierung Krankenschwestern aus dem Ruhestand rufen, weil in ländlichen Gebieten akuter Pflegenotstand herrscht.

Afrikas Staaten südlich der Sahara, in denen elf Prozent der Erdbevölkerung leben, und die nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation 24 Prozent der globalen Krankheitslast zu tragen haben, verfügen nur über drei Prozent des n Pflegepersonals.

Es sind vor allem die erbärmlichen Gehälter in der Dritten Welt, die Krankenschwestern aus dem Land treiben; aber auch bessere Arbeits- und vor allem Lebensbedingungen, die locken. Die britische Regierung hat jüngst Regeln verabschiedet, wonach Krankenschwestern aus der Dritten Welt nur dann eine Arbeitsgenehmigung erteilt wird, wenn sich für denselben Job keine britische oder europäische Fachkraft finden lässt.

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