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Südafrika  

MAIL AUS JOHANNESBURG 18.10.2006

Eine Adoption in Südafrika

Johannes Dieterich

Leider kann ich Lerato nicht fragen, was sie davon hält, dass Madonna einen einjährigen Jungen aus Malawi adoptiert hat.  Lerato ist gerade erst vier und weiß von Madonna genauso viel wie von Malawi, nämlich nichts.  Außerdem wird Lerato ungern bei ihrer Lieblingsbeschäftigung gestört, der sie soeben wieder nachgeht: Ihre braune Nase in meine schweichenfarbene Wange zu bohren.  Auf diese Weise tankt sie Wärmeeinheiten auf.

Wir haben Lerato in einem Heim für aidskranke Kinder entdeckt. Sie war fünf Monate alt und wund am ganzen Unterleib, weil ihre Windel nicht oft genug gewechselt wurde.  Lerato hatte ungemeines Glück:  Bei der Geburt wurde sie nicht von ihrer Mutter infiziert und blieb HIV-negativ.  Weil meine Frau Südafrikanerin ist und wir bereits nach einem äußerst intensiven, einjährigen Allround-Check die TÜV-Plakette als geeignet Adoptiveltern erhalten hatten, verlief die Adoption wie am Schnürchen.  Wir nahmen sie  - noch schneller als Madonna ihren David  -  schon am nächsten Tag nach Hause mit, sechs Wochen später hieß Lerato bereits Dieterich und war drei Kilo schwerer.

Die Kinder, die im südlichen Afrika derzeit in Waisenhäusern leben, zählt man nicht mehr in Tausenden, sondern in Millionen:  In zehn Jahren wird es in Afrika 26 Millionen Aidswaisen geben.  Bei dem immer wieder unterbreiteten Vorschlag, diese Kinder sollten lieber in Großfamilien integriert statt ihrer Wurzeln entrissen werden, handelt es sich um das Gerede weit entfernter Besserwisser: Denn in dem vom HI-Virus verwüsteten Subkontinent gibt es diese Großfamilienidylle längst nicht mehr.

Gegen Madonnas Adoption werden zwei Einwände vorgebracht.  Der erste zielt auf die Eignung des Pop-Idols als Mutter ab, über die ich mir kein Urteil erlauben kann.  Beim zweiten Einwand handelt es sich um blanken Rassismus.  Der wird mit der "Herkunft" oder "Kultur" des Adoptivkindes verbrämt, aus dem es nicht gerissen werden dürfe.  Als ob es sich bei einem Menschen um eine bewegungslos in die Wüste von Nevada eingepflanzte Sukkulente handele.

Lerato spricht fließend Deutsch und Englisch. Sie nennt die gelegentlich zu Besuch auftauchende grauhaarige Dame aus dem Schwabenland "Oma Helga" und liebt Laugenbrezeln.  Sie gehört zur wachsenden Zahl von Menschen, die ihre Identität über eine weltoffene Lebensweise definieren werden.  Um nicht als naiver Dummkopf dazustehen:  Natürlich wird es für Lerato kein Ritt auf rosa Wolken.  Selbst im Regenbogenstaat Südafrika fällt ein schwarzes Kind mit weißen Eltern noch wie ein Eisbär in der Savanne auf.  Persönlich haben wir in den vier Lerato-Jahren noch keine einzige hässliche Situation erlebt:  Selbst inder schwäbischen Provinz pflegt der Metzgermeister der dunkelhäutigen Besucherin eine extra dicke Wurstscheibe über den Tresen zu reichen.  Ich kenne viele Paare aus Europa, die gerne ein afrikanisches Kind adoptieren würden.  Nur wenigen gelingt es:  Bürokraktische Hürden lassen den Klimandscharo als Steinhaufen erscheinen.

Johannes Dieterich
Johannes Dieterich ist Afrika-Korrespondent der "Frankfurter Rundschau" (FR)


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