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Südafrika  

Experiment Versöhnung

Desmond Tutu über die Wahrheitskommission in Südafrika

Frankfurter Rundschau (FR): 14.01.2002 - "Das politische Buch" von Udo Scheer

Für Desmond Tutu, den Erzbischof von Kapstadt, war der 27.April 1994 der Tag, der den jahrzehntelangen Kampf gegen die Apartheid belohnte. Menschen verschiedener Hautfarbe standen stundenlang geduldig in Schlangen vor den Wahllokalen, und keine Katastrophe geschah. Der angedrohte Wahlboykott der mit dem ANC rivalisierenden IFP Buthelezi, rassistische Übergriffe und befürchtete Blutbäder blieben aus. Tutu beobachtete, unter welchen Anspannungen und vielfältigen Ängsten Wählerinnen und Wähler bei ihrer ersten freien Wahl anstanden, wie sie die Wahllokale als neue, freie Menschen verließen - ein politisches und zugleich spirituelles Ereignis, und die Welt blickte hoffnungsvoll auf Südafrika. Der mit ihm verbundene Nelson Mandela wurde ihr erster demokratisch gewählter Präsident. Polizei und Justiz, deren Gefangener er kurz zuvor noch gewesen war, salutierten der Symbolgestalt. Im Land herrschte weitgehender Konsens, sich den "Narben der Geschichte" zu stellen. Die Streitfrage war das Wie der Wiedergutmachung für die politischen Opfer, für die dreieinhalb Millionen während der Politik der Rassentrennung in Homelands Zwangsumgesiedelten. Tutu erinnert an die dunkle Zeit Südafrikas unter der Apartheid, an die Benachteiligung in der Bildung und die Folgen medizinischer Unterversorgung der Nichtweißen, and die 69 Erschossenen der friedlichen Demonstrationen 1960 gegen die Passegesetze, Gesetze, die es Schwarzen verbaten, ihre Distrikte zu verlasen, damit den Farmern und Minenbesitzern billige Arbeitskräfte erhalten blieben. Er erinnert an die blutige Niederschlagung des Aufstandes in Soweto 1976, an zahllose mysteriöse Todesfälle durch Todesschwadrone und im Polizeigewahrsam, und an Attentate und Bombenanschläge militanter Befreiungskämpfer. Es herrschte Bürgerkrieg. Verräter in den eigenen Reihen wurden mittels "Halskrause", einem mit Benzin gefüllten, brennenden Autoreifen gelyncht. Auf der gegnerischen Seite fotografierten Polizisten, wie sie Gefangenen mit Schweißbrennern Gliedmaßen abtrennten, um damit neue Verhaftete gefügig zu machen. Desmond Tutu ist sich sicher, dass vergeltende Rache oder ein Tribunal ähnlich den Nürnberger Prozessen das labile Gleichgewicht der jungen Demokratie zerstört hätten. Es wäre zur Spaltung des Lands oder zu einem Völkermord gekommen - wie in Ruanda im Sommer 1994, dort mit 800 000 toten. Aber auch eine Generalamnestie wie in Chile hätte den inneren Frieden nachhaltig gestört. In einem weltweit einmaligen Experiment ließ Mandela eine 19-köpfige Wahrheitskommission berufen, zu deren Vorsitzendem Tutu gewählt wurde. Vor ihr konnten politische Straftäter beider Seiten Antrag auf Amnestie stellen, wenn sie ihre Taten rückhaltlos offen legten. Voraussetzung: Diese waren zwischen 1960 und 1994 im Auftrag einer politischen Organisation begangen worden, und die Verhältnismäßigkeit zu den politischen Zielen blieb gewahrt. Über 7000 Anträge hatte die Kommission in drei Jahren zu befinden, 20 000 Opfer wurden angehört. Sie hatten das Recht auf Einspruch. Tutu zitiert bewegende Protokollausschnitte, in deren Opfer oder deren Angehörigen den Tätern vergeben, und er zitiert belastende Selbstaussagen von Tätern über Verbrechen, die sie vor Gericht kaum eingestanden hätten. Tutu hebt die Bedeutung dieser Kommission für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hervor, insbesondere aber den therapeutischen Effekt für die traumatisierten Opfer. Aber er verwiest auch das Problem, dass nach Anerkennung einer Amnestie kein Opfer mehr Anspruch auf Zivilklage gegen die vielfach wohlhabenderen Täter hatte; den Opfern blieb nur eine bescheidene pauschale staatliche Entschädigung. "Warum um alles in der Welt habe ich diesen undankbaren Job angenommen", fragt er hintergründig und erzählt von anfänglichen Spannungen zwischen Kommissionsmitgliedern, Diskreditierungen durch Gegner, blank liegenden Nerven angesichts geschilderter Gräueltaten und dem Erwartungsdruck, der auf ihrer Arbeit lastete. Die Wahrheitskommission sei keinesfalls perfekt gewesen, resümiert er, dennoch habe sie die desillusionierte, zynische Welt in Staunen versetzt, ein Zeichen des Machbaren gegeben. Wie sehr Südafrikas Apartheidvergangenheit die Gegenwart verstrahlt, wird in den sachlich kalten Tateingeständnissen einiger der Täter ahnbar, auch in der sehr umstrittenen Anhörung Winnie Mandelas, in der es um ihre Rolle bei Brandstiftungen und Ermordungen von "Verrätern" durch ihren "Football-Club" ging. Nelson Mandelas Politik der Versöhnung und die öffentliche Arbeit der Wahrheitskommission vermochten es, Südafrika in eine liberale, demokratische Gesellschaft zu führen. Doch die Schatten der Apartheid reichen weit. Mancher weiße Farmer will nicht akzeptieren, dass gleiches Recht für alle gilt. 190 Morde an Farmern weist die Statistik des letzten Jahres aus. Über ermordete Schwarze sagt sie nichts. Hass sitzt in den Köpfen vieler Ältester fest, und wenn nicht Hass, dann häufig Rassismus. Hoffnungen ruhen auf einer neuen Generation. Doch bis zu 40 Prozent Arbeitslosigkeit und eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt bedrängen die junge Demokratie stärker, als es der charismatische Desmond Tutu in seinen beeindruckenden Erinnerungen und innigen Appellen für Vergebung und Versöhnung eingestehen möchte Desmond Tutu: Keine Zukunft ohne Versöhnung.

Patmos Verlag, Düsseldorf 238 Seiten, 19,90 €.

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