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Südafrika  

Chaos am Kap der Guten Hoffnung

In Südafrika streikt das Klinikpersonal - und Patienten sterben

JOHANNES DIETERICH

Johannesburg, 11.06.2007.

Patienten, die sterben, weil sie nicht operiert werden können; Ambulanzen, die nicht wissen, wo sie Schwerverletzte hinbringen sollen; und Schuldirektoren, die verprügelt werden, weil sie unterrichten wollen: Ein ungewöhnlich erbittert geführter Streik des öffentlichen Dienstes hält gegenwärtig Südafrika in Atem.

Fast eine halbe Million Lehrer, Krankenschwestern und andere Bedienstete staatlicher Kliniken haben seit einer Woche am Kap der Guten Hoffnung die Arbeit niedergelegt - darunter auch das Notdienst-Personal zahlreicher Krankenhäuser, das von Rechts wegen eigentlich nicht streiken darf. Viele Hospitäler haben inzwischen ihre Tore ganz geschlossen. Krankenwagen fahren oft stundenlang von Klinik zu Klinik, um eine noch funktionierende Notaufnahme zu finden; das größte Krankenhaus Afrikas, die Chris-Hani-Baragwanath-Klinik in Soweto, wurde am Freitag von ihrem Direktor zur "Katastrophen-Zone" erklärt.

Gestank im Krankenhaus


Nach einem Bericht der Johannesburger Tageszeitung Star lägen vor dem Hospital blutende Verletzte, ohne behandelt zu werden. Im Krankenhaus breite sich ein übler Gestank aus, der von nicht eingesammelten Essensresten stamme. Die Regierung beorderte am Wochenende Soldaten in die Hospitäler - sowohl um zu verhindern, dass es zu Gewalttätigkeiten zwischen streikendem und arbeitswilligem Personal kommt, aber auch um Patienten mit dem Nötigsten zu versorgen, hieß es.

Am Sonntag sandte die Regierung hunderte von Kündigungen an im Notdienst beschäftigte Krankenschwestern: Dieser Schritt werde den Ärger der Beschäftigten noch verstärken, kündigte ein Gewerkschaftssprecher an. Krankenschwestern im staatlichen Gesundheitsdienst müssen mit monatlich knapp 420 Euro auskommen. Viele von ihnen lassen sich deshalb von privaten Kliniken anheuern oder wandern nach Europa - vor allem Großbritannien - aus, wo ihnen wesentlich bessere Gehälter bezahlt werden.

Das Kap der Guten Hoffnung leidet deshalb unter einem akuten Notstand an Pflegekräften. Kürzlich gab die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bekannt, der Kampf gegen die Aids-Epidemie drohe aus diesem Grund zu scheitern. Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes forderten zunächst eine Gehaltserhöhung von zwölf Prozent - fünf Prozent über der derzeitigen Inflationsrate. Dies käme staatlichen Mehrausgaben von jährlich fast 21 Milliarden Euro gleich und sei nicht zu finanzieren, behauptet die Regierung. Pretoria verzeichnet in diesem Jahr erstmals seit Jahrzehnten einen Haushaltsüberschuss von 520 Millionen Euro - die Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft kostet den Staat allerdings immense Summen. Die Regierung bot den öffentlich Bediensteten 6,5 Prozent, während die Gewerkschaften ihre Forderung auf zehn Prozent drosselten.

Politische Machtprobe


Eine Einigung der streitenden Parteien zeichnet sich bisher nicht ab. Für Mittwoch kündigte der Gewerkschaftsbund Cosatu Solidaritätsstreiks anderer Einzelgewerkschaften an, mit denen das Land nach Worten des Cosatu-Generalsekretärs Zwelinzima Vavi "vollkommen lahm gelegt" werden soll. Schon in der vergangenen Woche kam es auch in vielen staatlichen Schulen zu chaotischen Szenen: Im Johannesburger Stadtteil Ennerdale wurde eine Schuldirektorin verprügelt, die sich dem Streik nicht anschließen wollte. Und in Kapstadt zerrissen streikende Lehrer die Abschlussarbeiten von Gymnasiasten. Der gesamte Berufsstand sei durch das Verhalten vieler Lehrer in Misskredit geraten, sagte Erziehungsministerin Naledi Pandor.

Streiks werden in Südafrika oft von Gewalttaten begleitet. Bei einem Streik der Beschäftigten in der Sicherheitsindustrie kamen 2006 mindestens 69 Wachmänner ums Leben: Die meisten wurden als angebliche Streikbrecher aus fahrenden Zügen geworfen. Dem derzeitigen Arbeitskampf im öffentlichen Dienst kommt auch besondere politische Bedeutung zu, da sich auf beiden Seiten Mitglieder des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) gegenüber stehen. Der Streik wird als Machtprobe im Kampf um die Nachfolge von Präsident Thabo Mbeki gesehen, über die im Dezember entschieden wird.

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