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Südafrika  

Dr. Rote Bete stahl und soff

Neue Vorwürfe gegen Südafrikas Gesundheitsministerin

JOHANNES DIETERICH

Johannesburg. Schon seit Jahren fordern Anti-Aids-Aktivisten und Oppositionsparteien ihren Rauswurf - doch Mantombaza Tschabalala-Msimang, 150 Zentimeter große Gesundheitsministerin Südafrikas, marschiert unter dem Kreuzfeuer ungebeugt hindurch. Längst wird die Ärztin in den Medien nur noch "Doktor Rote Bete" genannt, weil sie der Knolle eine größere Wirkkraft gegen den tödlichen HI-Virus einräumt als den Produkten der Pharma-Industrie.

 

Ihre Ex-Stellvertreterin Nozizwe Madlala-Routledge verglich die Arbeit unter "Manto" mit der Zeit, die sie während der Apartheidsherrschaft in Einzelhaft verbrachte. Eine Wochenzeitung enthüllte nun, die Ministerin sei während ihres Exils im Nachbarstaat Botswana wegen Diebstahls verurteilt worden. Die Ärztin soll narkotisierten Patienten Schuhe und Armbanduhren abgenommen haben. Ein Psychiater-Kollege verteidigte sie: Sie sei bei ihm wegen "Kleptomanie" in Behandlung.

 

 

Neue Leber trotz Alkohol

 

Die 66-Jährige stritt die jüngsten Vorwürfe nicht einmal ab. Das sei eine alte und lange Geschichte, fuhr die Ministerin einen Journalisten an; er solle sich auf Wichtigeres konzentrieren. Zwar geht Dr. Rote Bete gerichtlich gegen die Wochenzeitung vor - aber nicht, weil diese falsch berichtet, sondern weil sie vertrauliche Krankenakten verwendet habe. Die Sunday Times hatte die Ministerin nämlich auch als Alkoholikerin entlarvt, die Anfang dieses Jahres entgegen dem Usus der Branche eine Leber transplantiert bekam.

 

Weil Spender-Organe so selten sind, würden sie Alkoholikern nicht eingepflanzt, wenn sie nicht mindestens ein halbes Jahr lang "trocken" seien, zitierte die Zeitung Experten. Bei der Ministerin habe man nur ihrer Position wegen eine Ausnahme gemacht.

 

Tschabalala-Msimang ist nicht nur Ministerin, sondern auch Ehefrau des Schatzmeisters der Regierungspartei ANC und eine der engsten Vertrauten von Präsident Thabo Mbeki. Mit ihm war sie 1962 aus Südafrika geflohen.

 

Der ANC schickte die Befreiungskämpferin zum Medizinstudium in die Sowjetunion; bis heute ist sie eine stramme Parteisoldatin. Später wurde die Ärztin in die ANC-Zentrale nach Sambia gerufen. Schon damals sei Mantombaza (was als "Mutter des Streits" übersetzt werden kann) durch exzessiven Alkoholkonsum und ruppigen Umgangsstil aufgefallen, heißt es.

 

 

Aufgeführt wie die Axt im Wald

 

Laut Berichten von Patienten führte sie sich auch während ihrer beiden Krankenhausaufenthalte in den vergangenen zwölf Monaten wie die Axt im Wald auf. Sie habe das Pflegepersonal angebrüllt und von Mitarbeitern Wein und Whisky beschaffen lassen - selbst am Vorabend ihrer Lebertransplantation, zitiert die Sunday Times aus Krankenhausunterlagen.

 

Seit den Enthüllungen der Zeitung wird wieder die Entlassung Tshabalala-Msimangs gefordert. Neben der für den Friedensnobelpreis nominierten südafrikanischen Anti-Aids-Aktivistengruppe TAC hatten bereits vor einem Jahr 65 führende internationale Aids-Experten ihren Rücktritt verlangt. Sie werfen der auch mit dem hoch umstrittenen deutschen Vitamindoktor Matthias Rath in Kontakt stehenden Ministerin vor, die Ausgabe von so genannten Aids-Cocktails zu verzögern und damit für den vermeidbaren Tod Tausender HIV-infizierter Südafrikaner verantwortlich zu sein.

 

Doch Thabo Mbeki teilt die Skepsis seiner Vertrauten gegen die Aids-Medikamente. Statt der Ministerin feuerte er deren Stellvertreterin, die während der Krankenhausaufenthalte Mantos deren Aids-Politik zu korrigieren suchte. Mbekis Beharrungsvermögen droht nun allerdings zum Rohrkrepierer zu werden.

 

Bisher sei dem Präsidenten das Festhalten an Prinzipien und Getreuen entgegen aller Kritik als Charakterstärke ausgelegt worden, sagt der Johannesburger Politologe Steve Friedman - inzwischen stehe Mbeki als tauber Herrscher da, der die Stimme des Volkes nicht hört. Selbst in der Partei gilt Dr. Rote Bete als Zumutung. Spätestens Anfang Dezember, wenn sich der ANC zum Parteitag trifft, soll abgerechnet werden.

 

(Abschrift: „Dr. Rote Bete stahl und soff. Neue Vorwürfe gegen Südafrikas Gesundheitsministerin“, FRANKFURTER  RUNDSCHAU, 30.08.2007, S. 9)

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