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Südafrika  

Die kleine weiße Hoffnung

Helen Zille regiert mit knapper Mehrheit die Metropole Kapstadt - gegen viele Feinde.

JOHANNES DIETERICH

Dem schweren Ledersessel mit dem fünfbeinigen Sicherheitsfuss ist nicht anzusehen, wie wacklig der Posten seiner Besitzerin in Wahrheit ist. Auch das holzgetäfelte Kabinett der Bürgermeisterin erweckt den Eindruck, dass sich hier jemand für den Rest seines Lebens eingerichtet hätte. Tatsächlich denkt die zierliche Gestalt, die hier in der sechsten Etage des Kapstädter Civic-Centers residiert, keineswegs an Auszug: "Ich erlebe gerade den neunten Versuch, mich aus dem Amt zu hebeln", sagt Helen Zille lächelnd. "Ich bin optimistisch, dass ich auch den überstehen werde."

Helen Zille regiert eine der attraktivsten Städte dieser Welt mit einer hauchdünnen Mehrheit von zwei Stimmen. Dass sie allseits beliebt ist, kann kaum behauptet werden. In der Schwarzensiedlung Khayelitsha wurden schon mal Stühle nach der 56-Jährigen geworfen. Anfang dieser Woche wurde die Bürgermeisterin von der Polizei festgenommen, als sie mit einer Protestgruppe Flugblätter gegen den Rauschgifthandel verteilte. Der Vorwurf: "Verstoß gegen das Versammlungsgesetz"; Zille sagt, die Demo sei friedlich und angemeldet gewesen.

Jetzt ist sie wieder auf freiem Fuß, muss aber vor Gericht erscheinen. Ihr politischer Konkurrent, der Landesvorsitzende des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), James Ngculu, nennt sie das "GodZille"-Monster, das aus dem Amt zu jagen sei.

Zur Person

Helen Zille, 56, regiert Kapstadt seit 2006 als erste weiße Bürgermeisterin seit dem Ende des Apartheidsregimes. Seit Mai dieses Jahres führt sie außerdem die Demokratischen Allianz (DA), die Opposition zum in Südafrika regierenden ANC.

Als Journalistin machte die Tochter jüdischer Emigranten aus Deutschland 1977 von sich reden, als sie die Hintergründe der Ermordung des Schwarzenführers Steve Biko öffentlich machte. Zille verließ die Zeitung, als ihr Chef wegen seiner kritischen Haltung zur Apartheidspolitik gehen musste.

Mit dem Maler Heinrich Zille ist die südafrikanische Politikerin verwandt – sie ist dessen Urgroßnichte.

Allerdings glaubt kaum jemand, dass die der Bürgermeisterin entgegengebrachte Antipathie der Person Helen Zille gilt. Vielmehr stört es die Mächtigen, dass die Oppositionspolitikerin ein wichtiges öffentliches Amt erobert hat. Der ANC besetzt in Südafrika so gut wie alle politischen Positionen. Dass er - ausgerechnet in der Touristenmetropole, dem Parlamentssitz und der "Mutterstadt" der weißen Siedler - bei den Kommunalwahlen 2006 die Macht abgeben musste, ist ein Affront, an dem die jungdemokratische Befreiungsbewegung zu knabbern hat. Fast könnte einem die zierliche blonde Dame in der Rolle der Watschenfrau Leid tun - wenn es nicht Helen Zille wäre.

Denn die mit dem Soziologieprofessor Johann Maree verheiratete Mutter von zwei Söhnen ist eine "Kämpferin", sagt ihre 88-jährige Mutter. Eine Überlebenskünstlerin, genau wie ihre beiden Eltern: Vater Wolfgang Zille und Mutter Mila Cosman hatten beide ein jüdisches Elternteil und konnten in letzter Minute vor dem deutschen Naziterror fliehen. Beide bewahrte die Erfahrung des deutschen Rassismus davor, in Südafrika während des Apartheidsregimes einem ähnlichen Irrsinn zu verfallen. In dieser Überzeugung zogen sie auch ihre 1951 geborene Tochter Helen auf.

Helen Zille wurde eine Anti-Apartheidsaktivistin. Sie schloss sich der von liberalen weißen Frauen gegründeten Menschenrechtsorganisation Black Sash an und landete als Journalistin 1977 einen Coup, als sie aufdeckte, dass der Schwarzenführer Steve Biko nicht etwa krankheitshalber in der Haft verstarb, sondern von Polizisten zu Tode geprügelt wurde. Als die Rassisten kapitulieren mussten und der ANC mit Nelson Mandela 1994 die Macht übernahm, hätte sich Zille ohne Weiteres auch der Befreiungsbewegung anschließen können. Doch die Überzeugung, dass eine Demokratie auch eine starke Opposition braucht, habe sie davon abgehalten: "Wenn wir keine glaubwürdige Alternative zum ANC aufbauen, drohen Südafrika sämtliche Risiken, die mit unkontrollierter Macht einhergehen und gewöhnlich mit der Kriminalisierung des Staates enden", sagt sie.

Im Juli wurde Zille von der stärksten Oppositionspartei Südafrikas, der Demokratischen Allianz (DA), sogar zur Parteichefin gekürt, nachdem Tony Leon das Handtuch geworfen hatte. Vor allem liberale Weiße, die im ANC keine Heimat fanden, atmeten auf. Ihnen ist Zilles kooperativer, aber trotzdem prinzipienfester Auftritt wesentlich sympathischer als Leons Geifern, das ANC-Politiker immer wieder mühelos als alten Rassismus denunzieren konnten. Selbst Südafrikas Präsident Thabo Mbeki, ein ANC-Urgestein, scheint erleichtert. Während der Präsident Tony Leon nicht einmal mit ausgestrecktem Arm begrüßte, gewährte er Zille kürzlich eine Audienz und nahm sie gegen die vielen Anfeindungen öffentlich in Schutz. "Wir respektieren uns gegenseitig", sagt Zille. "Es gibt viele Fragen, in denen wir unterschiedlicher Meinung sind. Doch als meinen Feind betrachte ich ihn nicht."

Zilles Ziel ist es, die in Beton gegossene politische Aufstellung am Kap in Bewegung zu bringen: "Ich will daran mitarbeiten, dass Südafrika die erste große Demokratie wird, die die Rassenschranken wirklich überwindet." Dabei sollen ihr ausgerechnet die deutschen Tugenden helfen, die sie an sich selbst entdeckt hat: "Ich weiß, was es heißt, zu arbeiten und sich durchzubeißen", sagt sie; "meine Mutter hat immer gesagt: Kinder, funktioniert!"

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