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"Mama Afrika" versucht die Einheit des ANC zu retten

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JOHANNES DIETERICH

Es sieht schlimm aus. So schlimm, dass selbst das alte Schlachtross Winnie Mandela aus der Versenkung trabte und sich als Schlichterin anbieten zu müssen glaubte. Sie habe in über 50 Jahren Mitgliedschaft beim Afrikanischen Nationalkongress (ANC) noch nie einen derart bitteren Streit erlebt, meinte die einstige Jeanne d'Arc Südafrikas: "Eine Schwester greift die andere an, Kameraden gehen sich gegenseitig an die Kehle", der Partei drohe eine "katastrophale Spaltung". Deshalb wolle sie die beiden Hauptstreithähne - Präsident Thabo Mbeki und Jacob Zuma - zu einem Kompromiss bewegen, kündigte Frau Mandela an. Und als Indiz, wie schlimm die Lage wirklich ist: Die beiden Antagonisten nahmen das Gesprächsangebot der in Ungnade gefallenen "Mama Afrika" tatsächlich an.

Doch dass es fünf Minuten vor Beginn des schicksalsträchtigen ANC-Parteitags in der Provinzhauptstadt Polokwane wirklich noch zu einem Happy Start kommt, ist so gut wie ausgeschlossen. Jacob Zumas Heerlager reagierte bereits ablehnend auf Winnies Vorschlag, die Neuwahl der ANC-Führung um fünf Jahre zu verschieben. Dafür hat der Vizepräsident des ANC auch gute Gründe. Denn seit die Regionalverbände sowie die Frauen- und Jugendliga der Regierungspartei vor drei Wochen ihre Kandidaten für das höchste Parteiamt aufstellten, steht Jacob Zuma als haushoher Favorit fest: Mit gut 2500 Nominierungen hat er fast eintausend Stimmen mehr erhalten als Amtsinhaber Mbeki.

Ein von dem niederschmetternden Vorentscheid kalt erwischter Mbeki setzte zur Verzweiflungsoffensive an: Plötzlich gibt der medienscheue ANC-Chef ein Interview nach dem anderen. Am Freitag warnte er in der Zeitung Mail & Guardian, der erbitterte Kampf um die Führung des ANC könnte die Partei zerstören. Auch seine Ministerriege beteiligt sich an dem PR-Feldzug, indem sie in unzähligen Zeitungsbeiträgen vor der enormen Gefahr warnen, die eine Zuma-Präsidentschaft mit sich bringe. Und Sydney Mufamadi, Minister für lokale Angelegenheiten, soll sogar bei Bestechungsversuchen von Parteitagsdelegierten erwischt worden sein. ANC-Generalsekretär Kgalema Motlanthe räumte ein, dass die Versuche, Stimmen von Delegierten zu kaufen, immer häufiger würden: "Wir sind eine Regierungspartei", sagte der ANC-Hierarch, "und als solche ziehen wir eben auch Karrieristen und Abenteurer an."

Beobachter sind sich einig, dass die gegenwärtigen internen Querelen die heftigsten sind, die die mit 95 Jahren älteste politische Organisation des Kontinents jemals erlebt hat. Umstritten ist allerdings die Frage, ob es sich bei dem Konflikt lediglich um den Zusammenstoß zweier Führerpersönlichkeiten oder um die erstmals erkennbare Sollbruchstelle einer Massenorganisation handelt, die bisher vom Kampf gegen die weiße Minderheitenherrschaft zusammengehalten wurde, nach ihrem historischen Sieg vor 13 Jahren aber in unterschiedliche Interessenslager auseinanderbricht.

Für Letzteres spricht die Tatsache, dass hinter Zuma der "linke" Flügel des ANC steht, einschließlich seiner Schwesterorganisationen, der kommunistischen Partei sowie des Gewerkschaftsbunds Cosatu. Die sind schon lange weder mit Mbekis zentralistischem Regierungsstil noch mit seiner Politik zufrieden: Sie werfen ihm einen nur der aufkommenden schwarzen Mittelschicht dienenden, "neoliberalen" Wirtschaftskurs vor. Selbstverständlich nahm Zuma die Unterstützung der Genossen gerne an und wetterte dann über die "erdrückende Armut", die "Horrorgeschichten von Hunger, Krankheit und Hoffnungslosigkeit" am Kap der Guten Hoffnung. Was er dagegen nicht sagt: Als einstiger Vizeregierungschef trug er die gegenwärtige Wirtschaftspolitik kritiklos mit. Und wenn er sich - wie in der vergangenen Woche in Großbritannien und den USA - unter Wirtschaftsbossen bewegt, gibt er diesen beruhigend zu verstehen, dass sich unter seiner Führung zumindest wirtschaftspolitisch "gar nichts ändern" werde. Weil der Kandidat auch sonst mit keinem Wort erwähnt, was unter seiner Führung politisch werden soll, gehen viele davon aus, dass es sich beim derzeitigen Machtkampf doch nur um den Zusammenstoß zweier sehr verschiedener Führungspersönlichkeiten handele. Im Gegensatz zu Mbeki gilt Zuma als ein Volkstribun. Und anders als Mbeki, der immer wieder wie in Sachen Aids einsame Entscheidungen traf und gegen jeden Widerstand sein gesamtes Kabinett auf Treue einschwor, gilt Zuma als "Mannschaftsspieler", der auch delegieren kann.

Umgekehrt macht Mbeki keinen Hehl daraus, dass er seinem Herausforderer den Führungsjob allein schon intellektuell nicht zutraut. Vor allem aber attackiert der ANC-Chef die moralischen Qualitäten Zumas, der aus einem Verfahren wegen Vergewaltigung zwar als freier Mann, aber schwer angeschlagen hervorging.

Womöglich wird sich Zuma bald sogar wegen Korruptionsvorwürfen nochmals vor Gericht verantworten müssen: Es gibt jedoch keine Anzeichen dafür, dass sich die Parteitagsdelegierten davon irgendwie beeinflussen ließen.

Der ANC werde "eine Lösung" finden müssen, Zumas "rechtliche Probleme" aus dem Weg zu räumen, meinte Winnie Mandela in ihrem Schlichtungsvorschlag: Dem Frieden der Partei haben in entscheidender Stunde offenbar auch die Gerichte zu gehorchen.

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Dokument erstellt am 14.12.2007 um 17:24:02 Uhr
Letzte Änderung am 14.12.2007 um 20:54:22 Uhr
Erscheinungsdatum 15.12.2007

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