Zurück

Südafrika  

Küsse gegen das Gesetz

Junge Südafrikaner lassen sich ihre Gefühle nicht vorschreiben

Quelle: Frankfurter Rundschau, 18.01.08, S. 47, dpa/fr

Etwa 20 000 südafrikanische Teenager sind schon dabei: Küssend proben sie den Aufstand.  Denn für sie heißt es seit Ende 2007: Schmusen und Küssen verboten.  Auch wenn beide es wollen – solange sie keine 16 Jahre alt sind, gilt ein neues Kussverbot.  In dem Kap-Staat, der zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 die vorübergehende Legalisierung der Prostitution für die WM-Besucher erwägt, drohen strenge Sitten.

         Deshalb haben die jungen Leute aus Protest den Januar zum „Nationalen Kuss-Monat“ erklärt.  Überall im Lande soll samstags auf Massenveranstaltungen drauflosgeknutscht werden – so geschehen beim großen Auftakt des Massenküssens in Johannesburg.  Bei gedämpftem Licht fielen sich mehrere Dutzend minderjähriger Paare auf einer Eisbahn im Stadtteil Northgate in die Arme.  Der Start war bescheiden, doch der Protest soll das gesamte Land erfassen.

         Organisiert wird die Aktion seit mehreren Wochen auf den Internetseiten von Facebook, einem Anbieter von sozialen Netzwerken.  Frances Murray heißt die 14 Jahre alte Schöpferin der Gruppe „Everyone against the new kissing law“ (Jeder gegen das neue Kuss-Gesetz).  Täglich schlössen sich 1000 neue Mitglieder der Bewegung an, berichtet Zara Nicholson aus Kampstadt im Internet.  Mit Blick auf die umstrittene Vorschrift sagt Frances Murray: „Lasst uns zusammen dieses Gesetz stoppen!  Es nimmt uns die Freiheit der Wahl und ist gegen unsere Menschenrechte.  Ich bin nicht für frühzeitigen Sex, aber was ist falsch an Leidenschaft!“

Vorschrift auf leisen Sohlen

Weil die Nation seinerzeit mit dem dramatischen Kongress der Regierungspartei ANC beschäftigt war, trat der „Sexual Offences Act“ recht unbemerkt in Kraft.  ER richtet sich gegen den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen und soll auch die verbreiteten Teenager-Schwangerschaften vermeiden helfen.  Einige der Bestimmungen – etwa die Ergänzung der strafrechtlichen Definition der Vergewaltigung um die Gewalt gegen Männer – wurden allgemein begrüßt.  Jedes Jahr werden in Südafrika mehr als 50 000 Vergewaltigungen angezeigt – die Dunkelziffer ist vermutlich doppelt so hoch.

         Mehrere Organisationen kritisierten die harte Haltung gegen Teenagerflirts als lächerlich – von Küssen werde man schließlich nicht schwanger.  Der Kuss-Protest auf der Eisbahn in Johannesburg war von den Medien mit großem Interesse verfolgt worden.  Die Behörden verzichteten auf eine Strafandrohung – was die jungen Schmuse-Protestler als ersten Erfolg ihrer Aktion werteten.          

Zurück

zum Seitenanfang