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Südafrika  

Angst in Johannesburgs Armenvierteln

Schwarze Südafrikaner gehen mit Waffengewalt gegen Zuwanderer aus den Nachbarländern vor

Frank Räther

JOHANNESBURG. In den Armenvierteln der südafrikanischen Metropole Johannesburg hält die Gewalt gegen Zuwanderer aus den Nachbarländern und Asien an. In der Nacht zu Freitag wurde in Soweto ein Mosambikaner erschossen. Im Township Diepsloot gingen trotz starker Polizeipräsenz mehrere Geschäfte von Somaliern in Flammen auf. Polizisten wurden mit scharfer Munition beschossen, als sie Barrikaden räumen wollten.

Begonnen hatte die Welle der Gewalt in der Schwarzensiedlung Alexandra in Johannesburg. Dort waren bislang drei Tote und Dutzende Verletzte zu beklagen. Über 300 retteten sich in die Polizeistation von Alexandra, wo inzwischen für sie Zelte errichtet werden, da sich die Situation nicht beruhigt. Gruppen bewaffneter Einwohner ziehen von Hütte zu Hütte und suchen nach Simbabwern, Mosambikanern, Angolanern, Somalis und anderen "Fremden, die hier nichts zu suchen haben", wie sie lautstark dröhnen. Sie schlagen Leute zusammen, vergewaltigen Frauen, verjagen die Bewohner.

"Regelrecht exekutiert"

Zwischen zwei Wellblechhütten in der 9. Avenue wurde ein Mann mit einer Schusswunde im Kopf gefunden. "Regelrecht exekutiert", konstatiert der Polizist, der ihn fand. Das Opfer, ein 30-jähriger Mann aus Simbabwe, lebte seit fünf Jahren hier, sagen Nachbarn. In der Nähe zeugen aufgebrochene Türen und verwüstete Häuser von der Brutalität der Angreifer. Überall liegen Steine und zerbrochenes Glas auf der Straße.

Immer wieder erschollen in den vergangenen Tagen Ausländer-Raus-Rufe. Ein junger Mann schreit: "Sie nehmen uns unsere Jobs weg und unsere Frauen. Wir wollen sie nicht, sie sollen abhauen." Eine Frau klagt: "Es sind zu viele Ausländer in Alexandra. Ich habe keinen Job und kein Haus, muss in einer elenden Hütte wohnen. Die aber leben in Häusern und haben Arbeit." Unter dem Beifall Umstehender fordert sie die Regierung auf, die Fremden zu deportieren.

Doch nicht nur Ausländer sind Opfer dieser Gewaltwelle, sondern auch Südafrikaner. Siphiwe Nzama ist einer der Toten, Südafrikaner seit Geburt. Andere Flüchtlinge berichten, dass sie gejagt wurden, weil sie Zulu oder Sotho seien. ANC-Provinzchef Paul Mashatile ist sich deshalb sicher, dass es sich um kriminelle Banden handelt, die die Angriffe starteten. "Es ist vor allem die Armut", meint einer der Einwohner, "die hier grassiert und die Leute brutalisiert."

In der Vergangenheit war es auch in anderen Teilen Südafrikas immer wieder zu Übergriffen auf Ausländer gekommen, wobei schon mehrere Hundert Menschen ermordet und Tausende vertrieben wurden. Denn die Afrikaner, die wegen Krieg oder Wirtschaftsmisere in ihrer Heimat nach Südafrika geflüchtet sind, erweisen sich dort als wesentlich arbeitsamer und aktiver als die Einheimischen. Somalis haben viele kleine Geschäfte eröffnet, ebenso Angolaner. Simbabwer und Malawis arbeiten zu geringeren Löhnen als Südafrikaner und finden eher Jobs. Aber es gibt unter den Zugewanderten auch etliche, die sich durch Kriminalität ihr Einkommen schaffen. Nigerianer haben den Drogenhandel fest in ihrer Hand. Bei Einbrüchen werden immer wieder Simbabwer und Mosambikaner festgenommen. So fällt der Schlachtruf der Angreifer "Ausländer sind Kriminelle" bei zahlreichen Einwohnern der Armensiedlungen auf fruchtbaren Boden. Johannesburgs katholischer Erzbischof Buti Tlhagale spricht angesichts solcherart Diskriminierung schon von einer "neuen Apartheid".

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0517/politik/0042/index.html

 Quelle: Berliner Zeitung, 17.05.08

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