Zurück

Südafrika  

Ich bin weil ihr seid

Afrikanische Tradition des "uBuntu" wird moderne Sozialethik

Erika von Wietersheim; aus afrika süd 5/2000

Zweimal ist eingetreten, was die Welt nicht erwartet hatte: ein versöhnliches Südafrika nach der Apartheid und ein friedliches Südafrika nach Mandela. Ungestört durch den Lärm westlicher Kassandrarufe, sucht das Land weiterhin seinen eigenen Weg.

Angesichts der nicht enden wollenden Bürgerkriege in Angola und im Kongo, der Landkonflikte in Simbabwe, der täglichen Schreckensmeldungen über Korruption, Miss-Wirtschaft und Menschenrechtiverletzungen und der medienwirksamen Hilflosigkeit afrikanischer Staaten bei Dürre-, Hunger- und Flutkatastrophen - kurzum, angesichts der schwindenden Hoffnungen für den "verlorenen Kontinent Afrika" gibt es ein Land, das sich wie eine Insel des politischen Friedens, des relativen Wohlstandes und einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik präsentiert: Südafrika, das Land am Kap der Guten Hoffnung, das vor sechs Jahren aus dem sozialen und politischen Trümmerhaufen der Apartheid zu einem demokratischen Staat geworden ist.

Nach 350 Jahren Fremdherrschaft sind sechs Jahre Freiheit wenig. Dennoch kann Südafrika politische und soziale Erfolge vorweisen, die nicht nur aus dem Schwung eines Neuanfangs erklärt werden können. In keiner Weise trat ein, was die Welt aufgrund der Erfahrungen mit Afrika in den letzten 5O Jahren prophezeit hatte. Schon 1994 hatte kein Blutbad stattgefunden, nachdem die brutal unterdrückte schwarze Bevölkerungsmehrheit in die Freiheit entlassen worden war; der Rücktritt des charismatischen Nelson Mandela und seine Abläsung durch Thabo Mbeki gingen ohne größere politische Unruhe vonstatten, und die zweite Wahl fand statt, als ob Südafrika schon immer im Zustand der Mehrparteiendemokratie gelebt hätte. Die Arbeit der Truth and Reconciliation Commission, die unsagbare Grausamkeiten und Menschenrechtsverletzungen zutage brachte, führte nicht zu einem Sturm des Entsetzens und Racheaktionen, sondern zu Trauer, Anteilnahme an den Opfern und zu einem Aufruf zur Versöhnung.

Woher kommt diese Versöhnungsbereitschaft, diese für Europäer schwierig nachvollziehbare Toleranz?

Unzählige Beispiele zeigen, dass westliche Instrumente auch in erfolgreich zur Unabhängigkeit gelangten afrikanischen Ländern nicht tief genug greifen: Demokratische Verfassungen und liberaler Rechtsstaat, Entwicklungshilfe, Hungerhilfe und UN-Einsätze führen zwar hier und dort zu Teilerfolgen, aber nicht zu einer stabilisierenden Transformation afrikanischer Gesellschaften. Korruption, Nepotismus und Militärdiktaturen, Bürgerkriege, Passivität und Nehmermentalität sind direkte und indirekte Folgen.

Ohnmacht des Westens

Gescheiterte polizeiliche Aktionen zur Bekämpfung der Kriminalität führen zur Ohnmacht und Resignation schwarzer Polizisten, der Spagat zwischen modernen westlichen und afrikanisch traditionellen Ansprüchen ist auf die Dauer nicht aushaltbar. Was in stabilen Situationen noch an westlich-demokratischen Strukturen zu funktionieren scheint, wird angesichts bedrohlicher Unruhen und Instabilität kurzerhand ausgeschaltet.

"Westliche Vorstellungen von Demokratie und Rechtsstaat passen zu Afrika wie das Toupet auf die Glatze. Es passt, aber es wachst nicht an", meint ein Journalist in Simbabwe, wo de Ohnmacht von Demokratie und Rechtsstaat unlängst in aller Deutlichkeit sichtbar wurde. "Wenn der Kopf wackelt, fällt das Toupet runter."

In Südafrika wächst derzeit etwas, das nicht wie ein angeklebtes Etikett abfallen kann - Seine Kraft, die inhärenter Teil der schwarzen Bevölkerung ist und mit Macht im Wirbel der Transformationsprozesse nach der Apartheid an die Oberfläche der südafrikanischen Gesellschaft dringt: die Kraft der alten Tradition des uBuntu.

Auf die Frage eines Europäers nach der Bedeutung dieses Wortes wird ein afrikanischer Philosoph antworten, uBuntu bedeute Menschlichkeit. Aber uBuntu ist mehr als diese höflich-nachsichtige Antwort: uBuntu ist Begriff für die Essenz afrikanischer Spiritualität und afrikanisch verstandener Menschenwürde; uBuntu ist afrikanische Lebenskraft und Vitalität, aber auch der Sensor für das Verständnis für andere Menschen, Kulturen und Religionen; das Gegenüber ist nach uBuntu Spiegel der eigenen Menschlichkeit oder potentiellen Unmenschlichkeit und daher wichtigstes Korrektiv meiner Haltungen und Handlungen; uBuntu bewirkt in der menschlichen Gesellschaft Stabilität und Ausgleich, aber auch Dynamik und Veränderung, es lässt menschliche Beziehungen entstehen und hält sie am Leben. In gemeinsamen Riten und Gottesdiensten oder im Rhythmus afrikanischer Trommeln und Tänze findet uBuntu seinen lebendig-sichtbaren Ausdruck.

Das "Cogito, ergo sum" der europäischen Aufklärung wird durch die zentrale Aussage der uBuntu-Philosophie ersetzt: "Ich bin, weil ihr seid, und ihr seid, weil ich bin."

"Im Strudel lebensbedrohender Umwälzungen brauchte Südafrika einen Rettungsring, zu dem wir Afrikaner ohne Angst vor erneuter Überfremdung greifen konnten", erklärt N. Koka, südafrikanischer Philosoph und persönlicher Berater des heutigen Präsidenten Thabo Mbeki. "uBuntu hat uns durch das unendliche leid der Sklaverei, des Kolonialismus und der Apartheid getragen. Mit dem Ende der Apartheid waren wir frei, unsere afrikanischen Werte und vor allem unsere unzerstörte afrikanische Spiritualität öffentlich zu rervitalisieren und für alle Bereiche der Gesellschaft zu mobilisieren. uBuntu ist ein Wort, mit, dem sich alle Südafrikaner identifizieren können, den Begriff uBuntu gibt es in allen einheimischen Sprachen des Südlichen Afrika."

Die Stärke der afrikanischen Spiritualität sei, dass sie nie institutonalisiert wurde, schreibt Cedric Mayson im Mail and Guardian (August 2000), um zu erklären, warum uBuntu Kolonialismus, Christianisierung und die Einführung der westlichen Kultur überlebt hat. "uBuntu trägt Spiritualität in die Gemeinschaft, nicht in Institutionen wie die nach Südafrika importierten Religionen des Christentums und des Islam. Institutionen kann man bekämpfen, kann man vernichten, Spiritualität nicht. Unsere afrikanische Spiritualität ließ und lässt sich nicht in Bücher binden, in Gebäude einsperren, selbst wenn viele Afrikaner sich europäischen oder östlichen Religionen angeschlossen haben. uBuntu besteht nicht aus einer Liste festgelegter Doktrinen, uBuntu ist Ausdruck gemeinschaftsstiftender Beziehungen. Nur in diesem kommunalen Ansatz können wir heute eine Antwort auf Korruption, Kriminalität und Gewalt finden - Moral nicht als individuelles Gutsein, sondern als ein gemeinschaftliches Überlebensprojekt."

Moralische Erneuerung

Es ist nicht allzu schwierig, aus europäischer Perspektive der Aufklärung und des Rationalismus die uBuntu-Philosophie zu zerpflücken, bis nur noch ein paar exotische bunte Federn übrig bleiben. Das weiß auch N. Kokas Kollege Dr. Jo Teffo, der in Belgien an der Universität Leuven über Sartre und Husserl promoviert hat, er kennt die logisch-intellektuellen Argumentationsketten.

"Es geht uns nicht um akademisches Räsonieren, sondern um die moralische Erneuerung unserer Gesellschaft, ohne die es keine Hoffnung für die Zukunft gibt. Westliche Vorgaben und Vorstellungen richten in Afrika nichts mehr aus, sie haben versagt und sind am Ende", erklärt er auf einem Kongress im Goethe-Institut Johannesburg. "Wir müssen unsere eigenen menschlichen Ressourcen aktivieren, und unsere stärkste Ressource ist die Spiritualität und Humanität von uBuntu. uBuntu ist zurzeit das einzige genuin schwarz-südafrikanische Angebot der Identifikation mit der Nation über den Tribe und Schwarz-Weiß-Denken hinaus."

"Es hat sich bereits gezeigt, dass uBuntu kein Modewort ist, auch wenn es respektlos als Aufdruck auf T-Shirts und als Name von Bustouren und Wildparks erscheint", stellt N. Koka fest und verweist auf die südafrikanische Verfassung von 1993, die die ersten freien Wahlen sowie die schwierige und risikoreiche Arbeit der Versöhnungskommission begründet hat: "Wir brauchen uBuntu", heißt es dort in der letzten Klausel.

"Ohne uBuntu wäre die erste Wahl nicht so friedlich verlaufen, wäre Versöhnung im Angesicht der schrecklichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht möglich, uBuntu will die Balance in der Gesellschaft wiederherstellen und nicht rechten und richten. Nur durch eine die ganze Gesellschaft durchdringende Spiritualität können sowohl die Opfer als auch die Täter ein Maß an Menschlichkeit zurückgewinnen."

uBuntu kommt in einer weiteren historisch einmaligen Leistung in Südafrika zum Tragen: 1997 schlössen sich die führenden Vertreter der unterschiedlichen Religionen Südafrikas (Buddhisten, Christen, Hindus, Juden und Muslime) zu einem National Religious Leaders Forum zusammen; sie wurden vom damaligen Präsidenten Nelson Mandela gebeten, sich dafür einzusetzen, dass auch die Religionen sich an der friedlichen Entwicklung Südafrikas beteiligen. uBuntu mit seiner umgreifenden, keine Religion in Frage stellenden Spiritualität ist bis heute die Basis einer erfolgreichen Arbeit dieses Forums, das u. a. dabei ist, gemeinsam mit Lehrern und Erziehungsbehörden uBuntu zu einem integralen Bestandteil der Schullehrpläne zu entwickeln.

Rituelles Bekenntnis

1999 setzte dieses Forum die gemeinschafts-stiftende Kraft des uBuntu gezielt bei den zweiten demokratischen Wahlen In Südafrika ein, als man landesweit Unruhen und Gewalt befürchtete. Am Wahltag wurde jedem Wähler in der Warteschlange vor der Wahlurne ein grüner Zettel in die Hand gedrückt mit der Aufforderung, ein sogenanntes "uBuntu Pledge", ein Versprechen für ein besseres und friedlicheres Südafrika, zu unterschreiben, wenn auch nur für sich selbst.

"Ich werde mich bemühen, gut zu sein und Gutes zu tun, für meine Mitbürger Sorge zu tragen, und mich für Frieden, Harmonie und Gewaltlosigkeit einsetzen", stand dort in allen Landessprachen. Für Europäer sicher eine etwas einfältig formulierte oder gar naive Aktion. Doch in einem Land, in dem der Alphabetisierungprozess noch lange nicht abgeschlossen ist, haben das geschriebene Wort und die mühsam gekrakelte Unterschrift noch geradezu rituelle Bedeutung. Die Wahl verlief friedlich.

Diese wenigen Schlaglichter auf eine wachsende Präsenz von uBuntu zeigen, dass uBuntu schon lange mehr ist als ein trotziger Gegenentwurf zur westlichen Leistungsgesellschaft. uBuntu ist eine sich öffentlich und eigenständig entwickelnde afrikanische Sozialethik, der die westlich geprägten christlichen Konfessionen und die importierte Kultur des Westens im Moment nichts entgegenzusetzen haben.

Dialog mit dem Westen

Seit einigen Jahren bringen südafrikanische Philosophen die mündlich überlieferte Tradition des uBuntu in eine schriftliche und damit dynamische und diskutierbare Form. Einen Dialog mit dem Westen wünschen sie jedoch nur, wenn auch Europa bereit ist zuzuhören und von Afrika über das Folkloristische und Exotische hinaus etwas zu lernen.

"Wir wollen keinen Dialog zwischen Ross und Reiter, bei dem europäische Vonteilungen und Erwartungen die Sporen geben; wir wollen einen gedan klichen Austausch, der auf gegenseitiger Offenheit und den Prämissen einer gemeinsamen Menschlichkeit gegründet ist", sagt in einem Gespräch der afrikanische Priester und Heiler Selby Gumbi aus Johannesburg, der eng mit afrikanischen uBuntu-Philosophen zusammenarbeitet, und zitiert den Schriftsteller Chinua Achebe, der schon 1979 die Hoffnung ausdrückte, dass "über all der vielen Neugier, mit dem der Weiße dem Schwarzen begegnet, eines Tages der Weiße tatsächlich das Zuhören lernt."

Erst heute beginnt man, sich öffentlich und über vordergründige Neugier hinaus auf solch einen Dialog einzulassen: Europäische Unternehmer in Südafrika laden uBuntu-Philosophen ein, um über neue, auch afrikanisch geprägte Formen des Corporate Managements zu diskutieren; das Goethe-Institut in Johannesburg unterstutzt und begleitet seit drei Jahren durch öffentliche Seminare die Erarbeitung der uBuntu-Philosophie im Rahmen der Bewegung der Afrikanischen Renaissance und wird gegen Ende des Jahres gemeinsam mit afrikanischen Philosophen und Politikern ein Seminar zum Thema "uBuntu und Affirmative Action" durchführen; die südafrikanischen Philosophen N. Koka und Dr. Jo Teffo wurden eingeladen, im Oktober 2000 die Philosophie von uBuntu als moderne afrikanische Sozialethik auf einem internationalen Seminar in Bonn vorzustellen. Eine schützenswerte Vertrauensbasis und eine ernst zu nehmende Offenheit auf Seiten des Westens ist im Entstehen begriffen. Vielleicht wächst in Zukunft die Bereitschaft, auch Afrika alseeine Stimme im Konzert menschlicher Lebensentwürfe zu hören.

Die verschiedenen Beiträge zum Bonner Philosophieseminar werden auf der Ausstellung "Heute ist Morgen" in der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD (Juni 2000 bis 7. Januar 2001) visualisiert.

Die Autorin ist Namibianerin. Die Schulbuchautorin und freie Mitarbeiterin der Neuen Zürcher Zeitung lebt in Windhoek

Zurück

zum Seitenanfang