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Südafrika  

Analyse

Gefährliche Ungleichheit

Dagmar Wittek

Der am Ostersonntag von zwei Angestellten ermordete Rassist Eugene Terre Blanche wird heute beerdigt. Ruhe kehrt damit aber nicht ein in der Regenbogennation Südafrika, in der der verbale Krieg zwischen Schwarzen und Weißen neu entflammt ist. Multikulti ist 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid immer noch keine Realität. Schwarze, Weiße und Farbige leben nach wie vor weitgehend in getrennten Welten.


Der Mord am Mitbegründer der rechtsradikalen Afrikanerwehrstandsbewegung (AWB) Terre Blanche hat dazu geführt, dass sich Schwarze und Weiße nun wieder den Kampf ansagen. Die AWB schwor in einer ersten Reaktion Rache und brachte den Mord sofort mit dem Vorsitzenden der Jugendliga der Regierungspartei ANC, Julius Malema, in Verbindung. Der hatte in den letzten Wochen immer wieder das Widerstandslied der ANC-Freiheitskämpfer "Kill the Boer" (Tötet den Buren) gesungen. Malema sei schuld daran, sagt die AWB, dass das Leben von Weißen in Südafrika nun in Gefahr sei.


Das ist Unsinn. Es gibt ein Unrechtsbewusstsein in Südafrika, sonst wäre Malema nicht kürzlich von der Menschenrechtskommission wegen Hetzreden verurteilt worden. Und dass der ANC ihn jetzt zurechtgewiesen und ihm verboten hat, das Lied zu singen, zeigt, dass der Regierung bewusst ist, wie explosiv die Situation ist. Zudem gibt es Gerichte, die sich ausschließlich mit Fällen von Rassismus und ungleicher Behandlung beschäftigen. Sie haben allerdings reichlich zu tun.

Es offenbart sich jetzt, wie fragil das Miteinander der Menschen unterschiedlicher Hautfarben in Südafrika ist. 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid haben die Weißen zwar die politische, nicht aber die ökonomische Macht abgegeben. Die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede haben sich seitdem sogar verschlimmert. Ein weißer Südafrikaner verdient heute im Schnitt mehr als siebenmal so viel wie ein Schwarzer. Die meisten Weißen leben also nach dem Ende der Apartheid mit gutem Gewissen in Wohlstand, während nach wie vor fast 50 Prozent der mehrheitlich schwarzen Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.

Das Institut für Rassenbeziehungen in Johannesburg stellt in einer Studie fest, dass vier von zehn Südafrikanern Menschen einer anderen Hautfarbe nicht trauen und dass fast die Hälfte aller Südafrikaner keine sozialen Beziehungen mit Andersfarbigen haben. Dennoch urteilt das Institut: "Die Beziehungen zwischen den Volksgruppen und Rassen in Südafrika sind stabil und gut." Bei einer Untersuchung gaben lediglich acht Prozent der Befragten an, dass Rassismus überhaupt ein Problem darstelle. Andererseits sagt Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, dass es ein Wunder sei, dass die Millionen Menschen, die nach wie vor in Armut und in Wellblechhütten hausen, noch nicht Amok gelaufen sind. Weiße sollten erheblich mehr zu Aussöhnung, Wiedergutmachung und wirtschaftlichem Ausgleich beitragen, Südafrika sitze auf einem "Pulverfass".

Das Fass kann schnell explodieren, wenn in Südafrika nicht ein Nationalgefühl entsteht, das Schwarze und Weiße teilen. Aber der Schlüssel zum Problem ist und bleibt ökonomischer Natur. Der Mehrheit der Bevölkerung muss es wirtschaftlich besser gehen als heute, und die Mehrheit in Südafrika ist nun mal schwarz.

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Dokument erstellt am 08.04.2010 um 17:34:03 Uhr
Letzte Änderung am 08.04.2010 um 20:33:00 Uhr
Erscheinungsdatum 09.04.2010 | Ausgabe: d

 

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