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Südafrika  

"Marikana A View from the Mountain and a Case to Answer".

Das Massaker - Eine Zusammenfassung der Ereignisse basierend auf Interviews mit Arbeitern von Peter Alexander

Zusammenfassung und Übersetzung Gerold Böning

Am 16. August wurden 34 Arbeiter von der südafrikanischen Polizei in Marikana bei Johannesburg getötet. Sie hatten sich friedlich auf öffentlichem Grund  nahe des Ortes Marikana versammelt. Ihre einfache Forderung war, mit dem Management ihres Arbeitgeber Lonmin über bessere Bezahlung zu sprechen. Damit gefährdeten sie die etablierten Beziehungen zwischen der National Union of Mineworkers NUM und der Minengesellschaft, die bislang für hohe Profite gesorgt hatte. Es wurde entschieden, maximale Gewalt gegen die Arbeiter einzusetzen.

In der folgenden Schilderung werden Hintergründe basierend auf Interviews mit Streikenden und anderen Beteiligten dargestellt. 

Armut zwang die Streikenden zur Arbeit in Minen. Angst vor Arbeitsplatzverlust läßt sie harte und gefährliche Arbeitsbedingungen ertragen. So sind sie ständig von herunterfallenden Felsbrocken und Maschinenunfällen bedroht. Die Luft ist sehr staubig und mit Chemikalien verunreinigt. Viele Arbeiter haben TB. Sicherheitsmaßnahmen werden ignoriert und Arbeiter unter Druck gesetzt, wenn sie darauf bestehen. Todesangst ist für die Arbeiter unter diesen Bedingungen ein vertrautes Gefühl. 8 Stunden Schichten stehen nur auf dem Papier, es wird oft von 5:30 - 21:00 Uhr gearbeitet. Der Lohn liegt zwischen R 4000 - R 5000 (€ 400 - € 500) im Monat. Arbeiter in England und Australien verdienen bis zu 10 Mal soviel. 

Von der NUM fühlen sich die Arbeiter nicht vertreten, da diese ihre Forderungen nicht aufnimmt. Viele Arbeiter wechseln zu AMCU nachdem NUM einen sehr populären Vertrauensmann suspendiert. Die Assosiacion of Mineworkers and Construction Union AMCU hat nur in einem von drei Minenstandorten in Karee Vertretungsrechte.

Im July 2012 führt die Unzufriedenheit mit der Bezahlung bei den Rock Drilling Operator RDO, die den Streik anführten, zu Forderung nach einer Verdoppelung der Bezahlung. Dies geht vom Standort Karee aus, wo die RDO's im Unterschied zu den anderen Standorten ohne Assistenten arbeiten müssen. 

Nach einem Massenprotest am 1. August gestand ihnen das Management das Management eine Erhöhung um R 750 zu, die RDO an den anderen Standorten erhalten eine Erhöhung von R 500 und die Assistenten erhalten eine Erhöhung von R 250. Mit diesem Durcheinander sind komplett alle unzufrieden. Ein wichtiges Resultat aber war, dass die RDO's von Karee dieses Zugeständnis ohne Gewerkschaftsbeteiligung erzielt hatten.

Als nunmehr die RDO's aller drei Minenstandorte protestierten formten sie ein gemeinsames informelles Komittee. Bei einem Treffen am Frauentag, dem 9. August, im Stadium wurde die Forderung von R 12.500 beschlossen. Da dies von NUM nicht unterstützt wird, will man direkt mit dem Management verhandeln. Erklärtes Aufgabe des Komittees ist der Erhalt des friedlichen Charakter und Ordnung um Zerstörungen, Plünderung und Gewalt gegen Personen wie bei anderen Arbeitskämpfen vermiedern werden. Die Arbeiter waren bereit sich zu verteidigen, initiierten selbst aber keine Gewalt.

Für den 10. August wurde ein Streik der RDO's beschlossen. Die Streikenden maschierten zum örtlichen Managementbüro der Minengesellschaft. Dort wurden sie von einem Sicherheitsmann empfangen, der Vertreter des Management in 15 Minuten ankündigt. Nach drei Stunden Wartens wird Ihnen beschieden, sie sollen die Forderung über die Gewerkschaft vorlegen. Zurück im Stadium beschließt man eine Ausweitung des Streiks. Bei einem erneuten Treffen am folgenden Tag beschließt man, sich mit der Forderung an die NUM zu wenden. Auf dem Weg zum nahegelegenen Gewerkschaftsbüro werden sie von 15 bis 20 bewaffneten Männern in roten T-Shirts empfangen. Als der Zug stoppt eröffnen diese das Feuer. Die Streikenden weichen zurück und fliehen. Zwei Verletzte bleiben zurück, einer kann sich über einen Zaun retten, der andere stirbt. Gemäß Untersuchungen und Zeugenaussagen kamen die Bewaffneten während des Herannahen der Streikenden aus dem Gewerkschaftsbüro und waren Funktionäre der NUM und Sicherheitskräfte.

Zurück am Stadium wird den Streikenden der Einlass verweigert waraufhin sie zum Berg bei Marikana ziehen. Dieser Ort wurde aus strategischen Gründen und der guten Übersicht über das Gelände von den Arbeiten gewählt. Hier würden sie die nächsten 5 Tage und Nächte verbringen. Aufgrund des gewaltsamen Zusammenstoßes bewaffneten sich die Arbeiter mit ihren traditionellen Waffen wie Stöcke und Speere.

Am 12. August war eine weiteres Vorsprechen bei NUM beabsichtigt. Auf dem Weg dahin wurden sie von Sicherheitsleuten aufgehalten und beschossen. Die Arbeiter wehren sich. Sie ziehen zwei Angreifer aus ihren Autos und erschlagen sie. Die Autos werden in Brand gesetzt.

Am 13. August geht eine Gruppe Streikender zu einem ca. 20 km entfernten Teil der Mine (Karee 3) um die hier Arbeitenden zur Teilnahme am Streik aufzufordern. Dort angekommen, wird ihnen bedeutet, niemand arbeite hier. Auf dem Rückweg werden sie durch eine Polizeisperre gestoppt. Die Polizisten kreisen sie ein. Der Aufforderung ihre Waffen abzulegen wollen sie erst nach sicherer Rückkehr auf dem Berg nachkommen. Sie werden eingekreist und gewarnt, wenn sie nach dem Zählen bis 10 der Entwaffnung nicht Folge leisten, würde das Feuer eröffnet. Noch während gezählt wird beginnen die Arbeiter zu singen und bewegen sich auf eine Stelle der Umzingelung. Man läßt sie zunächst passieren, eröffnet aber dann das Feuer. In der nachfolgenden Auseinandersetzung werden 3 Streikende und 2 Polizisten getötet.

Am 14. August traf eine Gruppe von Polizisten ein. Sie wollten mit den Streikenden verhandeln, ein weisser Polizist der Fanakalo spricht (sehr ungewöhnlich) sagt, er will eine Vertrauensbeziehung mit ihnen aufbauen. Sie sollen 5 Madodas wählen, mit denen er sprechen kann. Obwohl die Arbeiter ein Streikkomittee haben, kommen sie dem nach. Die Verhandlungen scheitern allerdings schnell, da die Polizisten weder bereit sind, ihre Fahrzeuge zu verlassen, noch ihre Namen zu nennen. Die Arbeiter bekräftigen ihre Forderung nach Verhandlungen mit dem Minenmanagement.Am 15. August kam NUM Führer Zokwane in einem Polizeifahrzeug zum Berg und forderte die Arbeiter auf, in die Mine zurückzukehren. Mehr hätte er ihnen nicht zu sagen. Er blieb bei dieser Ansage im Fahrzeug verborgen. Am Nachmittag kam der Vertreter von AMCU Joseph Mathunjwa auch begleitet von einem Polizeifahrzeug aber im eigenen Wagen. Er drückte seine Sympathie mit den Forderungen aus und sagte, auch er hätte keinen Gesprächskontakt mit den Arbeitgebern, würde aber weiter versuchen, diesen zu bekommen.

Am 15. und 16. August erhöhte die Polizei ihre Präsenz, auch Soldaten trafen ein. Es wurden Rollen mit Stacheldraht angeliefert. Joseph Mathunjwa von AMCU erschien erneut ohne Begleitung und sagte, ein Treffen mit Minenvertretern sei nicht zu erreichen. Er empfahl ihnen, an die Arbeit zurückzukehren, ansonsten würden viele sterben. Diese Aussage wurde mit Skepsis aufgenommen, aber auch mit Trotz. Man sei bereit, für seine Forderungen zu sterben.

Die Gruppe der Streikenden bestand aus 3000 Arbeitern, die friedlich auf dem Boden saßen. Um sie herum wurden zusätzliche Polizisten und Soldaten positioniert. Nun begann die Polizei, sie mit Stacheldraht einzuzäunen wie wilde Tiere. Forderungen nach einer Lücke als Ausgang stießen auf taube Ohren, stattdessen zielte man mit Gewehren auf sie. Da begannen sich die Arbeiter in Richtung ihrer Behausungen zu bewegen, in diesem Zeitraum fiel der erste Schuß. Es gab zuvor keine Warnschüsse. 7 Arbeiter wurden von Maschinengewehrkugeln vor laufenden Kameras getötet. Kurz danach starben 5 weitere Arbeiter vor Hütten an einem Zaun in die Ecke getrieben. Nun kehrten die fliehenden Arbeiter zurück, realisierend, dass sie umzingelt waren. Hubschrauber kreisten über dem Gelände, das von Polizisten zu Fuß durchstreift wurde. Pferde rannten kreuz und quer, Granaten explodierten, Tränengas und Wasserwerfer wurden eingesetzt. Es war ein regelrechter Kriegszug in dem 34 Arbeiter starben, erschossen, überfahren von Hippos oder mit ihren eigenen Speeren getötet.

Direkt nach dem Massaker wurden viele Arbeiter verhaftet. Teils wurden sie in Gebäuden der Mine gefangen gehalten. Das Massaker wurde zu einem intensiven traumatischen Erlebnis und ein Zusammenbruch des Arbeitskampfes war höchst wahrscheinlich. Stattdessen gelang es den überlebenden Streikführen die Arbeiter zur Fortsetzung des Arbeitskampfes zu mobilisieren bis die Firma in Gespräche einwilligte. Das Ergebnis war eine 22 %ige Erhöhung der Löhne und einen Bonus von R 2000 für die Rückkehr an den Arbeitsplatz. Dieses Ergebnis wurde als großer Erfolg gefeiert. Es war Antrieb für eine Reihe von erfolgreichen Arbeitskämpfen in anderen Minen und weiteren Bereiche der Wirtschaft.  

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