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Südafrika  

Marikana

Regelrecht bedrängt, dennoch unverzagt

Ben Khumalo-Seegelken

Menschen aus verschiedenen Landgegenden Südafrikas und den Nachbarländern Lesotho, Botswana, Swaziland, Mosambik und anderen, unter ihnen auch Xolelwa Mpumza und Ntombizolile Mosebetsane aus Cofimvaba im südafrikanischen Ostkap, sind Anfang Januar wieder in Marikana gewesen, um der Anhörung vor der Untersuchungskommission beizuwohnen. Diese Kommission, die voraussichtlich bis April 2014 tagt und Zeugen befragt, war eingesetzt worden, nachdem am 16. August 2012 die Polizei eine Demonstration vorm Platin-Bergwerk Lonmin in Marikana gewaltsam niederschlug, indem sie das Feuer eröffnete, 34 Demonstrierende getötet, 78 schwer verletzte und 257 gefangen nahm.

Die Witwen, Waisen und Überlebenden des Marikana-Massakers haben bei den Anhörungen, die seit September 2012 abgehalten werden, oft erleben müssen, dass dabei die Bergwerksbosse, die Vertreter der Polizei und der Regierung in ihren Eingaben und Aussagen wiederholt versuchen, die Aufdeckung der Vorfälle und die Klärung der Verantwortlichkeiten nach allen Regeln der Kunst zu erschweren: Da bekräftigte die Polizeichefin, die Polizisten müssten sich für nichts entschuldigen, sie hätten sich doch nur "selbst verteidigt"; da fehlten plötzlich entscheidende Mitschnitte des Videos, welches die Polizei am Tag des Massakers erstellt hatte; da tauchte eine E-Mail auf, in der ein Schwergewicht der Regierungspartei African National Congress (ANC) der Polizei angeblich empfiehlt, die streikenden Minenarbeiter ohne jede Rücksicht wie "Kriminelle" zu behandeln. Je mehr die Kommission zutage fördert, desto geringer wird das Interesse der Regierenden an weiterer Aufklärung.

Etliche befürchten, dass die Untersuchungen letztendlich versanden und das Massaker auf einen bedauerlichen Betriebsunfall reduziert wird, der ohne Konsequenzen bliebe.

Xolelwa Mpumza und Ntombizolile Mosebetsane nutzen das Wiedersehen vor und nach den Anhörungen dazu, sich mit den anderen Witwen, Waisen und Überlebenden über die Folgen und Auswirkungen des Verlustes ihrer Angehörigen auszutauschen und sich untereinander seelisch beizustehen. Zwar haben die meisten von ihnen damals die Kosten für die Überführung der Leichen und die Bestattung ihrer Angehörigen am jeweiligen Heimatort von Mittrauernden mittragen lassen können, das Geld für die Fahrten, Unterbringung und Verpflegung in und um Marikana und für Anwaltskosten aber muss jedes Mal mühsam erbracht werden, da selbst die entsprechenden staatlichen Zuschüsse oft erst gerichtlich erstritten werden müssen. Mit den Nachbarschaftsnetzwerken wie „Sikhala Sonke“ („Wir trauern alle zusammen“) in und um Marikana und die Menschenrechtsorganisation Khulumani (Sprecht [aus]!) kämpfen die weit anreisenden Angehörigen und Überlebenden dafür, dass sie gehört und beachtet werden und nicht ohne sie verhandelt wird.

2014 stehen Parlamentswahlen an. Eine öffentliche Debatte über Verantwortlichkeiten und Fehler könnte den ANC und den mitregierenden Gewerkschaftsverband viele Stimmen kosten. Xolelwa und Ntombizolile scheinen mittlerweile gelernt zu haben, mehr auf eigene Initiativen zu setzen und ihre bewährten Netzwerke gekonnt einzusetzen. Im April könnte die erhoffte Klärung erfolgen dann könnte denen endlich Recht widerfahren, die darum so hart kämpfen müssen.

www.benkhumalo-seegelken.de

01.03.2014

 

 

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