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Südafrika  

Barrikaden brennen, Denkmäler stürzen, Vorlesungen werden gesprengt

Studenten in Südafrika protestieren gegen den zunehmenden Rassismus. Der Staat antwortet mit Polizei.

Bob London/ UNI SPIEGEL Februar 2016

Südafrika soll ein Vorbild sein? Eine "Regenbogennation", die den Rassismus abgeschüttelt hat? Der Beweis dafür, dass Versöhnung möglich ist und Weiß und Schwarz friedlich zusammenleben können? Panashe Chigumadzi, 24 Jahre alt, kann das Gerede nicht mehr hören. Für die junge Schriftstellerin und Journalistin klingt das alles wie ein schlechter Witz - und sie nutzt jede Gelegenheit, das kundzutun.

"Wir können klar und deutlich unsere Verachtung für die 'rainbow nation' ausdrücken", sagt sie während einer Vorlesung an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. Unter der bunten Oberfläche habe sich rein gar nichts verändert: Da schimmerten noch immer die alten Verhältnisse aus der Zeit der Apartheid durch, da gebe es weiterhin das tiefe Misstrauen zwischen Schwarzen und Weißen, ruft Chigumadzi den Hochschülern entgegen. Jeder im Land spüre doch, dass der Rassismus wieder zunehme und die Zeit unter dem legendären Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela nur eine kurze Atempause gewesen sei.

Panashe Chigumadzi spricht aus, was ihre Generation denkt. Man nennt sie und ihre Altersgenossen "Born Frees", weil sie noch Kleinkinder waren oder erst nach der offiziellen Abschaffung der Rassentrennung 1994 geboren wurden. Doch der Name ist eine Mogelpackung, denn die sozialen Gegensätze sind noch immer fast genau so extrem wie in den finsteren Zeiten der Segregation. Die Minderheit der Weißen genießt einen üppigen Wohlstand - und die überwältigende Mehrheit der Schwarzen ist arm geblieben und wartet vergebens auf das bessere Leben, das ihnen versprochen wurde. Das kann man auch ablesen am sogenannten Gini-Index, mit dem Einkommensunterschiede gemessen werden: Zwei Jahrzehnte nach der Wende zählt Südafrika danach zu den ungleichsten Gesellschaften der Welt.

 

Ein elitäres Bildungswesen, das Nichtweiße benachteiligt

 

Die schwarze Bevölkerung nahm das lange klaglos hin und ließ sich vertrösten. Doch nun begehren desillusionierte junge Menschen wie Panashe Chigumadzi auf, weil sie sich von der korrupten und unfähigen Regierung unter dem schwarzen Präsidenten Jacob Zuma um ihre Zukunft betrogen sehen.

Sie werfen der neuen Elite vor, die eigenen Ideale verraten zu haben. Sie protestieren gegen ein elitäres Bildungswesen, das Nichtweiße benachteiligt: Schwarze, die auf dem Papier die Hochschulzulassung haben, kommen in der Regel aus ärmeren Familien und können sich die hohen Studiengebühren nicht leisten. Fast alle Dozenten sind weiß, die Lehrinhalte sind nach wie vor auf die alten Machtverhältnisse zugeschnitten. Und deshalb fragen viele afrikanische Studenten, warum auch in der Demokratie das alte Herr-Knecht-Verhältnis ungebrochen fortdauert - so, wie das in den letzten dreieinhalb Jahrhunderten war: Die Weißen herrschen, die Schwarzen müssen dienen.

Seit Monaten entlädt sich der Zorn der Jugend in militanten Protesten, an den Schulen und Hochschulen brodelt es. Barrikaden brennen, Denkmäler stürzen, Vorlesungen werden gesprengt. Auch jetzt, zu Beginn des neuen Semesters, geht der Widerstand weiter: Zehntausende Studenten fordern ein gerechtes Bildungssystem und die Abschaffung der

 

Weiße Leitbilder, weiße Zukunftschancen, weiße Bildungsziele

 

Es ist vermutlich die größte Protestwelle seit dem Schüleraufstand von Soweto, der im Jahr 1976 das Ende der Apartheid einleitete. Und weil sich die Studenten vielerorts mit unzufriedenen Arbeitern verbünden, fürchtet die Regierung eine Art zweite Befreiungsbewegung. Sie richtet sich gegen die schwarzen Machthaber - und gegen die Weltsicht der Weißen, die in der Post-Apartheid-Gesellschaft nach wie vor alles bestimmt: die kulturellen Normen und Leitbilder, die Verteilung der Zukunftschancen, die Bildungsziele.

Panashe Chigumadzi sagt, es gehe jetzt um die "Dekolonialisierung der Regenbogennation". Sie habe eine tiefe innere Befriedigung empfunden, als die Statue von Cecil Rhodes auf dem Campus der Universität von Kapstadt mit Kot beworfen wurde, bekennt sie.

 

 

 

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