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Südafrika  

Im Hosenbund steckt immer eine Pistole

In Südafrika drohen Konflikte zwischen weißen Farmern und schwarzen Landlosen zu eskalieren

Frankfurter Rundschau 2002; von Johannes Dieterich (Lüneburg)

Auf seinen Vulkan ist Othard Klingenberg besonders stolz. "Ist der nicht wunderschön?" fragt der südafrikanische Farmer mit plattdeutschem Akzent und schaut wohlgefällig über den von einer bizarren Bergkette umrahmten grünen Krater: "Alles, was du hier siehst, gehört zu meiner Farm." Und die dreitausend Fußballfelder große Naturarena ist nicht einmal ein Drittel dessen, was Othard Klingenberg sein Eigen nennen kann. Über 9000 Hektar breitet sich sein Gut bei Lüneburg im Osten von Südafrika über Täler und Hügel aus - ein Bauernhof, der gut als Nationalpark durchgehen könnte.

Doch über Klingenbergs Paradies sind dunkle Wolken aufgezogen. "Es ist gar nicht mehr gemütlich, hier zu leben", klagt der 35-jährige Großgrundbesitzer. "In der Umgebung häufen sich die Farmbesetzungen, auch wir hier haben Schwierigkeiten, ein Nachbar von uns wurde sogar umgebracht." Der Konflikt wegen der ungleichen Landverteilung droht Südafrika in ähnlichen Aufruhr zu versetzen wie dessen Nachbarland Simbabwe, wo gegenwärtig die letzten weißen Grundbesitzer von ihren Gütern gejagt werden. "Das könnte bald auch hier geschehen", sagt Klingenberg düster.

Für den deutschstämmigen Farmer begannen die Probleme bereits 1994, kurz nach den ersten freien Wahlen in Südafrika. Ernest Molefe, der nach alter kolonialer Tradition mit seiner Familie in Klingenbergs Krater lebte, dort etwas Land bewirtschaften durfte und dafür seine Arbeitskraft dem weißen "Baas" zur Verfügung stellen musste, wollte nach Klingenbergs Schilderung plötzlich nicht mehr arbeiten. Der Farmer warf ihn daraufhin vom Gut, und Ernest ging vor das von der neuen Regierung eigens eingerichtete Land-Gericht. Dort sind gegenwärtig mehr als 30 000 Land-Dispute anhängig, ein Indiz dafür, dass der Kampf um die 91 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche Südafrikas in seine heiße Phase tritt.

Für Othard Klingenberg besteht kein Zweifel, wer der rechtmäßige Besitzer seines Grund und Bodens ist. Die Stammzelle seiner Farm erwarb bereits Urgroßvater Wilhelm Johannes Klingenberg, nachdem er 1859 mit dem Missionsschiff "Kandaze" aus Niedersachsen ans Kap der Guten Hoffnung gesegelt war. Die Gegend am Rand des Zululands sei damals völlig unbesiedelt gewesen, ist Othard überzeugt: Wilhelm Johannes habe die Farm von der britischen Regierung im Austausch gegen Holz erworben. Eigenhändig, so die Familiensaga, fällte der Urgroßvater, den die Zulus wegen seiner ausladenden Statur "Ihlombe" (die Schulter) nannten, die Gelbholz-Bäume auf der Farm, zerlegte sie mit der Handsäge in Bretter und karrte sie mit dem Ochsenwagen über Berge und Täler in das 350 Kilometer entfernte Pietermaritzburg. "Jetzt wissen Sie, wieso wir so an unserem Land hängen", erläutert Othard Klingenberg: "Es ist im Schweiße unseres Angesichts verdient."

Nicht jeder teilt freilich die Überzeugung, dass der urgroßväterliche Schweiß das Unrecht der britischen Kolonialmacht aufwiegt, deren Truppen das Land der Zulus zuvor besetzt hatten. Wenige Kilometer von Klingenbergs Farm entfernt erinnert ein Schild an die "Schlacht von Entombe", in der auch Deutsche auf britischer Seite mit Feuerbüchsen gegen die mit Speeren bewaffneten Zulus fochten: So leer war die malerische Gegend offenkundig doch nicht.

Mehr als 150 Jahre später und zwölf Jahre nach dem Machtwechsel in Südafrika gehören noch immer achtzig Prozent des südafrikanischen Agrarlands 45 000 weißen Farmern, während sich 13 Millionen auf dem Land lebende Schwarze den Rest zu teilen haben. Nachdem der Versuch der Regierung gescheitert ist, die Ungleichheit mit staatlichen Subventionen und nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip "freiwilliger Verkäufer, freiwilliger Käufer" aus der Welt zu schaffen, verlangen radikale Organisationen wie die Landlosenbewegung nun Enteignungen.

Viele Farmer fühlen sich schon jetzt in einem nicht erklärten Krieg. Jahr für Jahr werden in Südafrika fast 150 Bauern umgebracht - bei den in aller Welt beachteten Landunruhen in Simbabwe kamen weniger als dreißig weiße Farmer ums Leben. Auch wenn Experten davon ausgehen, dass das Motiv für die vielen Morde meist gemeiner Raub ist, sehen sich die Farmer selbst als Opfer eines heimlichen Rückeroberungsfeldzugs. Tatsächlich steigt die Zahl der weißen Landwirte, die den Pflug ins Feld werfen.

Dass die Lage in der deutschen Enklave um Lüneburg als "noch relativ ruhig" bezeichnet werden kann - der Mord am Nachbar Gerald Rabe liegt bereits zwei Jahre zurück -, ist Klingenbergs Ansicht nach nur den Kommandos zu verdanken: paramilitärische Bürgerwehrstrukturen aus der Apartheidzeit, die die Gutsbesitzer jetzt wiederbelebt haben. In Klingenbergs Hosenbund steckt immer eine Pistole, sowohl zu Hause wie im Auto steht er in ständigem Radiokontakt mit seinen Kameraden, am Wochenende trifft sich die Bauernwehr zum Training. Die Truppe übernimmt gelegentlich sogar Polizeiaufgaben: Anfang des Jahres, berichtet Klingenberg, hätten Kommandomitglieder nach einer Schießerei fünf Ladendiebe festgenommen. Eine Schlüsselrolle im Verteidigungskonzept der weißen Gutsbesitzer kommt deren Farmarbeitern zu. Für Klingenberg arbeiten gegenwärtig 39 Schwarze, von denen 17 ausschließlich mit dem Zählen seiner 800 Rinder und 7000 Schafe beschäftigt sind - weil Diebstahl neben Landbesetzungen und Farmermorden zum "Kriegsalltag" gehört.

Othard Klingenberg kennt Bongani, seinen Vorarbeiter, "seit wir zusammen im Sandkasten spielten". Von ihm hat er so fließend Zulu gelernt, dass er heute auf Afrikanisch träumt; und wenn Klingenberg Krach mit seiner Frau hat, heult er sich an Bonganis Schulter aus. Im Gegenzug hält der "Headboy", wie Klingenberg den 37-Jährigen noch heute nennt, seinen Boss über die Vorgänge in der afrikanischen Welt auf dem Laufenden. Bongani ist selbst Mitglied des Kommandos und wurde von Klingenberg sogar mit einer Neun-Millimeter-Pistole ausgestattet - höchstes Zeichen des Vertrauens. Nach der Arbeit geht Klingenberg allerdings ins Farmhaus, in dessen Garage ein Mercedes parkt, und Bongani in die 500 Meter entfernte Hütte ohne Strom. Und beim Bier am Samstagabend ziehen Klingenbergs weiße Farmersfreunde angetrunken über die "verdammten Kaffern" her.

Nicht weit von Lüneburg entfernt liegt Daggakraal, eine schwarze Siedlung, deren von der Regierung finanzierte Matchbox-Häuschen sich immer tiefer in die Umgebung schieben. Das Land um Daggakraal sei praktisch wertlos, sagt Klingenberg: "Hier ist keine Kuh und keine Ziege sicher." Wenige hundert Meter von der Siedlung entfernt liegt eine Schweinefarm, die Nelson Mandela 1996 in einem feierlichen Akt den schwarzen Dorf-Bewohnern als Teil eines Wiedergutmachungsprogramms übereignet hatte. Die Farm werde einmal die "gesamte Provinz" mit Fleisch versorgen, hatte der damalige Präsident in einem Anflug von Pathos versprochen; heute sind die Stallungen leer. Nachdem der weiße Manager mehrere Monate lang nicht bezahlt worden sei, erzählt Klingenberg in einer Mischung aus Häme und echter Trauer, habe er den Krempel kürzlich hingeworfen.

Laut einer im Auftrag der Regierung durchgeführten Studie liegen siebzig Prozent des seit dem Machtwechsel 1994 zu Gunsten von Schwarzen umverteilten Lands heute brach. "Es macht doch keinen Sinn, uns Land wegzunehmen, wenn nicht sichergestellt wird, dass die neuen Besitzer auch etwas damit anfangen", sagt Klingenberg aufgebracht.

Abends, beim Jägermeister auf der Farmhausveranda, hört sich Klingenberg missmutig die Frage an, warum die weißen Landwirte nichts von sich aus unternähmen, um schwarzen Farmern auf die Beine zu helfen. Würde das nicht den enormen Druck reduzieren, dem sich die Gutsbesitzer ausgesetzt sehen? Und würde die Diskussion über die Landfrage, die noch immer entlang der Hautfarbenlehre von Schwarz und Weiß geführt wird, so nicht endlich auf das wesentliche Kriterium der Produktivität gelenkt? "Klar", sagt Klingenberg, "es muss etwas geschehen." Dann macht der bullige Farmer noch eine Dose Bier auf und fügt hinzu: "Es gibt aber genug brach liegendes Land, das die Regierung erst einmal verteilen könnte." Und in der Ferne grummelt der Vulkan.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 11.12.2002 um 21:04:58 Uhr
Erscheinungsdatum 12.12.2002

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