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Südafrika  

Anschauungsunterricht für 20 000 Delegierte

Gesundheit, Wasser, Energie: Johannesburg spiegelt die Themen wider, die auf dem Weltgipfel diskutiert werden.

Von Johannes Dieterich (Johannesburg)

Am meisten, sagt ein Gesandter aus Paris, fürchte er sich vor der Emissärs-Krankheit. Das sind jene etwa am dritten Konferenztag auftretenden Attacken, bei denen der Delegierte plötzlich von Schwindel erfasst wird, nicht mehr weiß, wovon er spricht, den Blick auf die Wirklichkeit zu verlieren scheint. Beim Weltgipfel in Johannesburg, der heute beginnt, gibt es ein Mittel gegen dieses Syndrom: Der Delegierte muss sich nur wenige hundert Meter aus dem postmodernen Convention-Center im glitzernden Bürostadtteil Sandton in Richtung Osten fortbewegen, schon findet er sich auf müllgesäumten Staubstraßen zwischen wackeligen Wellblechhütten und barfuß spielenden Kindern in Südafrikas Wirklichkeit wieder.

Alexandra steckt wie ein Dorn im weißen Fleisch Johannesburgs. Das fast hundert Jahre alte Getto ist die einzige Schwarzensiedlung mitten in Johannesburg, die von den Planierraupen der Apartheidsherrscher verschont geblieben ist. Heute leben in dem für 75 000 Menschen ausgelegten Slum nunmehr als 350 000 Frauen, Männer und Kinder noch immer unter katastrophalen Bedingungen. In schreiendem Kontrast zu den privaten Parkanlagen der Sandtoner Hautevolee.

Vor dieser Kulisse dürfte es Südafrikas Regierung nicht besonders schwer fallen, ihrer Hauptforderung beim Gipfel Ausdruck zu verleihen. Dass nämlich nachhaltige Entwicklung in erster Linie etwas mit Armut und sozialer Ungerechtigkeit zu tun hat und nicht, wie viele Europäer glauben, eine Frage der sauberen Luft und getrennter Müllentsorgung ist. Jedenfalls wird Gastgeber Südafrika bei der größten UN-Veranstaltung aller Zeiten immer wieder darauf drängen, dass während der zehn Gipfeltage die so genannten braunen Themen wie Armutsbekämpfung, Aufstockung der Entwicklungshilfe und fairer Handel diskutiert werden. Zusätzlich zu der schier endlosen Liste "grüner" Themen eine Tagesordnung also, die das Großereignis, zu dem mehr als 60 000 >Menschen erwartet werden, - etwa 20 000 Delegierte, 40 000 Aktivisten und mehr als 100 Staatschefs - fast zum Bersten bringt.

Selbst wenn sich die Delegierten an die von UN-Generalsekretär Kofi Annan genannten fünf Eckpfeiler der Agenda halten, wonach Wasser, Energie, Gesundheit, biologische Vielfalt und Landwirtschaft die zentralen Themen sein sollen, gibt es wohl kaum einen Ort auf der Welt, wo die Delegierten besseres Anschauungsmaterial bekommen können als in Johannesburg. "Unsere Stadt", davon ist Patrick Bond, Professor an der Witwatersrand-Universität überzeugt, "zählt zu den unnachhaltigsten der Welt.".

Das fängt bereits beim Müll an. Eigens für den Gipfel hat die Stadtverwaltung zwar Abfalleimer mit getrennten Kammern bestellt, die an ausgesuchten Plätzen wie dem Flughafen aufgestellt wurden. Was aber schon hundert Meter weiter geschieht, hat mit dem zur Schau gestellten Öko-Bewusstsein nichts mehr zu tun. Getrennte Müllentsorgung gibt es nicht einmal im Ersten-Welt-Segment Südafrikas. Umweltminister Mohammed Valli Moosa scheiterte Anfang des Jahres sogar daran, ein Verbot dünner Plastiktüten durchzusetzen, die hier zu Lande in jedem Supermarkt den Kunden nachgeschmissen werden und schließlich unverwüstlich durch die freie Wildbahn wehen. Moosas größte Widersacher waren die Gewerkschaften, die erfolgreich um die Arbeitsplätze der Plastiktüten-Produktionsbelegschaft kämpften.

Weit schlimmere Folgen hat Johannesburgs chronischer Wassermangel, wie die Bewohner Alexandras zu berichten wissen. Erst vor wenigen Monaten wurde der Slum wieder einmal von einer Cholera-Epidemie heimgesucht: Das sich mitten durch Alexandra quälende breiige Flüsschen Jukskei dient zahlreichen Slumbewohnern als einzige Wasserquelle und als Latrine. Für die besser betuchten Johannesburger und die durstige Bergbauindustrie leiten die städtischen Wasserwerke im größten "Inter-Basin-Transfer" der Welt täglich 1,3 Millionen Kubikmeter klares Wasser aus der rund 500 Kilometer entfernten Bergwelt des Nachbarstaats Lesotho in die Metropole. Drei riesige Staudämme, ein 42 Kilometerlanger und 2,5 Milliarden Euro teurer Wassertunnel sowie Flussverbreiterungen mit bisher unüberschaubaren ökologischen Folgen waren dafür nötig.

Während so für die fast hunderttausend privaten Swimmingpools in Johannesburg Sorge getragen wird, verfügen 1^6 Millionen Südafrikaner vor allem in ländlichen Gebieten über kein sauberes Wasser, was wiederum weit reichend direkte und indirekte Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung hat. Jahr für Jahr erkranken in Südafrika weit mehr als 100 000 Menschen an Cholera, mehrer hundert sterben gar dran; tausende Säuglinge werden über die Muttermilch mit dem HI-Virus angesteckt, weil ihre Mütter über kein sauberes Wasser für Milchpulver verfügen.

Wenigstens könnte man meinen, dass erneuerbare Energiequellen in einem Land kein größeres Problem darstellen, in dem fast ununterbrochen die Sonne scheint und der Wind über eine rund 2 500 Kilometer lange Küstenlinie pfeift. Doch mehr als 90 Prozent von Südafrikas Energiebedarf wird ausgerechnet in Kohlekraftwerken gewonnen, die jährlich mehr als 350 Millionen metrische Tonnen Kohlendioxid in die Luft schleudern - mit steigender Tendenz. Während der Welt-Durchschnittsbürger im Jahr für die Freisetzung von 1 130 Kilogramm Kohlendioxid verantwortlich ist, bringt es ein Südafrikaner auf 2 291 Kilogramm. Ein Wert, der nach Expertenmeinung um ein Zweieinhalbfaches über der Umweltverträglichkeitsgrenze liegt.

Dennoch versucht Südafrikas, seine Stromkosten weiter so niedrig wie möglich zu halten, um im internationalen Konkurrenzkampf um die Ansiedlung industrieller Großprojekte wie Aluminiumschmelzen mit halten zu können. Da die Regierung auch ausländische Investoren für die Privatisierung des staatlichen Energiekonzerns Eskom gewinnen will, muss sie dessen Bilanz auf Vordermann bringen. Tausende Schwarze, die ihre Stromkosten nicht bezahlen konnten, wurden deshalb in den vergangenen zwei Jahren vom Netz abgeklemmt. "Das haben sich nicht einmal die Apartheidsherrscher getraut", sagt die 58-jährige Agnes Mohapi aus Soweto, die nun im Dunkeln sitzt. Die zahlten stillschweigend die Zeche, um sich international nicht noch unbeliebter zu machen.

In einer Hinsicht hat die südafrikanische Regierung ernst gemacht. Gipfel-Delegierte, die das Angebot wahrnehmen, einen der charakteristischen Hügel Johannesburgs aufzusuchen, werden bei ihrer Tour durch das Mini-Schutzgebiet von einer besorgten Führerin zu hören bekommen, wie "invading aliens", fremdländische Eindringlinge - vor allem Maulbeerbäume, Königin-der-Nacht-Kakteen oder Schwarze Wattles aus Australien -, einen Vernichtungsfeldzug gegen die heimische Flora und Fauna führen. Kurzentschlossen erließ die Regierung ein Gesetz, das mehr als 200 Gewächse auflistet und verbietet. Wer beispielsweise einen Maulbeerbaum in seinem Garten hegt, muss neuerdings mit einer Geldbuße von 500 Euro rechnen. Der genmanipulierte Mais, der erstmals in diesem Jahr auch auf südafrikanischen Farmen angebaut wird und alle natürlichen Maissorten zu verdrängen droht, steht allerdings nicht auf dieser Liste.

Überhaupt steht die größte Gefahr für die Bio-Vielfalt in einem der artenreichsten Länder Welt erst noch bevor. Eine Studie führender südafrikanischer Wissenschaftler über die Auswirkungen der Erderwärmung brachte jüngst schockierende Resultate: Im Gegensatz zum überfluteten Europa wird der fiebrige Erdball auf seiner Südseite in den nächsten 50 Jahren deutlich weniger Niederschläge haben. Am Kap der Guten Hoffnung soll die Regenmenge gar um ein Viertel sinken.

Und das in einem Teil der Welt, der ohnehin regelmäßig von Dürrekatastrophen heimgesucht wird. Gegenwärtig herrscht im südlichen Afrika die schlimmste Hungersnot seit 50 Jahren, 15 Millionen Menschen sind vom Tod bedroht. Eine weitere Hiobsbotschaft der Wissenschaftler: Wenn sich die Erde im selben Tempo weiter erhitzt, wird der Krüger-Park, eines der beliebtesten und größten Wildtierreservate der Welt, in 50 Jahren zwei Drittel seiner Tierarten verloren haben.

Die meisten Gipfel-Delegierten nehmen gerne die Gelegenheit zu einem Abstecher in den noch heilen Park wahr.

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